Kultur Leicht unterirdisch: Lachen im Keller

Der Graf Almaviva (Seung-Gi Jung, mit Katharina Persicke) geht nicht nur im übertragenen Sinn auf Hasenjagd. Foto: A.T. Schaefer

Wolfgang Amadeus Mozarts „Le nozze di Figaro“, in Augsburg komisch inszeniert von Jan Philipp Gloger.

 

Nach seiner Inszenierung der Marivaux-Komödie „Die Unbeständigkeit der Liebe“ im Cuvilliés-Theater drängte sich der Eindruck auf: Dem Regisseur Jan Philipp Gloger wäre eine leichtfüßige Mozart-Inszenierung zuzutrauen. Irgendwie dachte das offenbar jeder, denn die Premiere von „Le nozze di Figaro“ am Augsburger Theater glich einem gemeinsamen Betriebsausflug von Kritikern, Intendanten und Dramaturgen.

Zum Lachen mussten sie in den Keller, weil Gloger die ganze Geschichte ins Souterrain des Almaviva-Schlosses verlegte. Der dort mündende Wäscheschlucker spuckte Cherubino aus, links gab es eine mit Liebe zur hässlichen Wirklichkeit kopierte Abwasserleitung. Durch die Schwingtüren schauten hin und wieder ein Küchenhelfer und die türkische Putzfrau herein, um den Kopf über dem Treiben der Opernfiguren zu schütteln.

„Figaro im Keller“: Das klingt uncharmant. War es aber nicht. Gloger versteht meisterlich, Figuren durch ihre Körperlichkeit und die Kostüme (Karin Jud) zu charakterisieren. Das Augsburger Opernensemble agierte keinen Deut schlechter als ihre nur sprechenden Kollegen vom Bayerischen Staatsschauspiel. Seung-Gi Jung war beispielsweise ein schmächtiger, aber dennoch vor Männlichkeit strotzender Graf, dessen dunkler Bariton bestens mit der Figur harmonierte. Katharina Persickes Gräfin erschien in einem lachsrosa Morgenrock und trug eine Frisur, die sie treffend als leicht vernachlässigte Luxusgattin charakterisierte.

Glück für Mozart

Natürlich kann Cherubino im Keller nicht aus dem Fenster springen. In Augsburg floh er über den Keller, wo er den vierschrötigen Heizer Antonio (Lazlo Papp) aufscheuchte, den man eher auf einem Ozeandampfer vermutet hätte. Gloger traute diesem Monstrum sogar eine flüchtige Affäre mit Marcellina (Mojca Vedernjak) zu, wie es überhaupt am Ende zu verblüffenden Paarungen jenseits der Heterosexualität kam, die aber durchaus einleuchteten.

Das alles stellte die Geschichte nicht auf den Kopf. Gloger erzählt mit einer sehr menschlichen Ironie. Deshalb funktioniert auch die Übertragung in eine zeitlose Gegenwart. Sogar für die immer etwas peinliche Sache mit dem gräflichen Verzicht aufs Recht der ersten Nacht fand Gloger eine Entsprechung: Der bis zur letzten Figur treffend individualisierte Chor pries mit sehr nach DGB aussehenden Plakaten das Engagement des Chefs gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

Einen ordentlichen Figaro (Jan Friedrich Eggers) und eine gute Susanna (Sophia Christine Brommer) haben die Augsburger auch. Kleinere Abstriche sind beim Orchester zu machen. Die flotten Tempi von Kevin John Edusei passten zum komödiantischen Ansatz. Leider wurde die Musik vom Philharmonischen Orchester Augsburg mehr hurtig abgespult als mit innerem Leben erfüllt.

Nach dem schönen „Figaro“ der Theaterakademie ist es die zweite gute Aufführung dieses schwierigen Stücks. Tragödien können manche, aber gute Komödienregisseure sind ganz seltene Perlen. Gloger hat außerdem auch ein Talent zur Oper. Glückliche Zeiten für Mozart!

Robert Braunmüller

Theater Augsburg, wieder am 8., 12. und 23. 12. sowie im Januar. Tel. 0821 / 324 49 00

 

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