Kultur Keine Angst vor Nonnen

Die Revolutionäre wollen die Frauen überreden, das Kloster zu verlassen: Am Tisch John Chest, Ulrich Reß, Susanne Resmark und Christian Rieger (v. li.). Foto: Dorothee Falke Foto: Dorothee Falke

Der Dirigent Kent Nagano über den Komponisten Francis Poulenc und die Münchner Erstaufführung seiner Oper „Dialoge der Karmeliterinnen“am Sonntag in der Bayerischen Staatsoper

 

Nach Pfitzners „Palestrina“ im vorigen Jahr setzt die Bayerische Staatsoper am Palmsonntag die katholische Linie ihres Spielplans mit Francis Poulencs „Dialoge der Karmeliterinnen“ fort. Nächstes Jahr folgt übrigens Messiaens „Saint François d'Assise“.

AZ: Herr Nagano, wie klingt Poulenc?

KENT NAGANO: Die Musik schmeckt nach Croissants und Würstchen, Kaffee und Gitanes. Allerdings ist sie eng mit der französischen Sprache verbunden, was ihrem Erfolg im Ausland Grenzen setzte.

Wer war dieser Komponist?

Poulenc lebte von 1899 bis 1963. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war seine Musik sehr populär. Es waren künstlerisch sehr explosive Jahre, als Strawinsky und Picasso in Paris wirkten. Poulenc zählt zur Groupe des Six, die das französische Chanson mit der Kunstmusik verbinden wollte. Seine „Mouvements Perpetuels“ wurden damals in jedem Salon gespielt und geliebt, anders als die komplizierte deutsche Musik von Mahler oder Schönberg.

Warum ist Poulenc heute nur wenig bekannt?

Seine leichte Musik wurde bewundert, Poulencs kompositorisches Können jedoch angezweifelt, weil er als Sohn einer reichen Familie nie auf einem Konservatorium war. Zu Lebzeiten war er sehr populär, aber nur wenige seiner Stücke haben die Zeit überdauert.

Wie entstand die Oper?

In den 1950er Jahren geriet Poulenc in eine schwere Krise. Die jüngere Komponisten-Generation verachtete ihn, weil er tonal schrieb. Von der Mailänder Scala erhielt er den Auftrag für ein Ballett, den er ablehnte. Er schlug eine Oper nach dem Theaterstück von Georges Bernanos vor, das seinerseits auf der Novelle „Die Letzte am Schafott“ der deutschen Schriftstellerin Gertrud von le Fort basiert. 1957 wurden die „Dialoge der Karmeliterinnen“ an der Scala uraufgeführt. Mit diesem Werk hat sich Poulenc kurz vor seinem Tod von der Pariser Sphäre befreit, um in eine neue Dimension zustoßen.

Wie muss man sich die Musik der Oper vorstellen?

Ihre rhythmische Kraft erinnert an Strawinsky oder Honegger, der Gesangstil mit seinen freien Melismen an Debussy. Die Musik ist sehr sprachbetont im Stil französische Lieder mit ihrer kleinteiligen Phrasierung. Für unsere Besetzung war das anfangs nicht ganz einfach.

Eine Bühne voller Nonnen – wird das nicht verwirrend?

Die Welt hat sich seit der Uraufführung verändert. Unser Verhältnis zur Kirche ist heute anders. Da braucht man nur Zeitung zu lesen. In Dmitri Tcherniakovs Inszenierung spielt die Oper nicht während der Französischen Revolution.

Warum überzeugt Sie das?

Die Oper handelt für mich nicht von Religion. Es ist ein Stück über Angst und Entfremdung. Das sind existenzielle Grundsituationen, die jeden Menschen ansprechen. Unabhängig von der kulturellen Herkunft können wir uns alle in den Frauen auf der Bühne wiedererkennen.

Wer sind die wichtigen Figuren?

Mère Marie ist ehrgeizig und zugleich frustriert. Sie erlebt den von Glaubenszweifeln überschatteten Tod der Priorin. Sie möchte ihre Nachfolgerin werden, bekommt aber eine junge, unerfahrene Frau vor die Nase gesetzt, die im Unterschied zu ihr keine Adelige ist.

Sie ist aber nicht die Hauptfigur.

Das ist Blanche, die von Ängsten gequält wird und deshalb ins Kloster eintrat. Sie hat ihre Identität verloren. Dann gibt es die ehrenwerte Soeur Constance. Mère Jeanne mahnt ihre Mitschwestern zur Vernunft und versucht, ihnen das Martyrium auszureden.

Wie endet die Oper?

Nur so viel: Eine Guillotine würde auf der Bühne heute lächerlich wirken. Der Schluss ist radikal, aber zugleich sehr nah am Text und ganz auf Blanche konzentriert. Tcherniakovs Inszenierung ist ab-strakt. Fast alle Szenen spielen in einem Häuschen.

Robert Braunmüller

Premiere am Sonntag, 19 Uhr, im Nationaltheater. Restkarten vorhanden

 

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