Kultur Hemdenwechsel

Da kann die Neuenfels-Inszenierung noch so viele Buhs ernten, Jonas Kaufmann bleibt loyal und ihm gilt ohnehin der Jubel, auch als Lohengrin in Bayreuth.Foto: Timm Schamberger/ddp Foto: dpa

Wie in der Popkultur produziert auch die Klassikbranche Superstars. Mit dem Münchenr Jonas Kaufmann hat sie ein Prachtexemplar ohne Allüren gefunden. Ein Interview

 

Immer nur Wagner, kann für einen Tenor schädlich sein. Das sagt Star-Tenor Jonas Kaufmann, der als Lohengrin sein gefeiertes Bayreuth-Debüt bei den Richard-Wagner-Festspielen in der Inszenierung von Hans Neuenfels gegeben hat. Und, obwohl gerade erst 41 Jahre, ist schon eine Biografie erschienen. Leider ist unser Münchner Stimm-Gott nach Zürich gezogen und Groupies haben keine Chance: Jonas Kaufmann ist verheiratet mit der Mezzosopranistin Margarete Joswig, mit der er drei Kinder hat.

AZ: Herr Kaufmann, wie halten Sie Ihre Stimme frisch?

JONAS KAUFMANN: Das Geheimnis ist, sich nicht nur auf das Wagner-Fach zu konzentrieren, also auch das italienische oder französische Fach zu pflegen, um so die Stimme flexibel und geschmeidig zu machen und ihre Weichheit zu erhalten. Manche haben es für verrückt gehalten, dass ich bis kurz vor der Bayreuther „Lohengrin“-Premiere noch Puccinis „Tosca“ in München gesungen habe. Mir und meiner Stimme hat das aber gut getan. Jedes Mal, wenn ich von einer „Tosca“ gekommen bin, habe ich eine neue Weichheit in den „Lohengrin“ legen können. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass ich an manchen Stellen der Wagner-Oper doch noch zu hart, pauschal gesagt „zu deutsch“, gesungen habe.

nicht aber ein Wagner-Sänger eine besondere Konstitution haben und einen zu schnellen Verschleiß seiner Stimme fürchten?

Natürlich gibt es laute Stellen bei Wagner, die bombastisch sind und auch bei mir Gänsehaut verursachen, die müssen auch so sein, und natürlich kann ein Sänger bei normaler Konstitution für eine gewisse Zeit da mithalten. Aber man muss auch immer wieder zurückfinden auf ein Niveau, das sängergerecht ist, sonst geht die Stimme langfristig kaputt. Man darf auch nicht vergessen, dass sich die modernen Musikinstrumente mit der Zeit so entwickelt haben, dass sie immer lauter geworden sind, nicht jedoch im gleichen Maße die Gesangsstimme.

Was zeichnet denn einen Wagner-Sänger aus?

Ja, was ist eigentlich ein Wagner-Sänger? Einer, der fünf Stunden am Stück laut singen kann? Es ist ein Missverständnis, dass Wagner-Singen bedeutet, immer nur laut zu sein, auch wenn die akustischen Bedingungen in vielen Opernhäusern in Deutschland manche Kollegen dazu verleiten oder sogar zwingen. Dagegen anzusingen, kann eine Stimme tatsächlich auf Dauer kaputt machen. Dann muss man den Dirigenten dazu bewegen, den akustischen Gegebenheiten entsprechend zu musizieren, also manchmal mit dem Orchester auch leiser zu spielen. Ich kann doch als Sänger nicht den Kampf gegen 80 oder gar 100 Musiker im Graben aufnehmen, die können immer lauter sein als ich.

Erhalten Sie sofort wieder neue Angebote für Wagner-Partien, sobald Sie in einer Wagner-Oper gesungen haben?

Ja, das stimmt, viele Opernhäuser wollen von mir sofort den Wagner haben, sobald ich eine neue Wagner-Partie einstudiert habe. Es wird ja in meiner Branche auch gemunkelt, dass man im Wagner-Fach mehr Geld verdienen könne, weil es angeblich nur wenige Sänger dafür gibt. Aber das nützt mir doch nichts. Ich liebe meinen Beruf viel zu sehr, um in kürzester Zeit meine Stimme zu ruinieren.

Wie begegnen Sie der Gefahr einer einseitigen Festlegung?

Ich möchte meinen Beruf möglichst lange ausüben. Also singe ich immer wieder auch in den anderen Fächern, natürlich hilft auch noch der Liedgesang. Ich habe ja das Glück, dass ich nicht nur im deutschen, sondern auch im italienischen und französischen Fach anerkannt bin. Das hilft mir, die Stimmkultur zu bewahren. Wenn man das alles beachtet, kann man sein Leben lang Wagner singen, aber eben nicht nur. Das ist das ganze Geheimnis. Genau dafür bin ich in der Vergangenheit aber auch oft kritisiert worden. Kritiker meinten, dieses ständige Wechseln im Fach sei schlecht für die Stimme und die Karriere.

Gibt es dafür Beispiele aus der Vergangenheit?

Schauen Sie sich Placido Domingo an, der das Tenor-Fach abgegrast hat und sich nun dem Baritonfach zuwendet. Der hat nun wirklich alles gesungen, auch Wagner. Er hat die Fächer gewechselt wie die Hemden, und es hat nicht geschadet. Es kommt eben auf die Stimme an, auf die Technik, das Maß, die Kombination. So gesehen sind die positiven Kritiken, die ich jetzt erhalte, natürlich schön und auch eine Bestätigung für mich, dass mein eingeschlagener Weg doch der richtige war.

Die „New York Times“ nannte Sie neulich „einen der größten Künstler der jüngeren Geschichte der Met“. Macht das größenwahnsinnig?

Nein, ganz bestimmt nicht. Meine Familie holt mich auch immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, und Papier ist geduldig.

Wilfried Mommert

Biografie: „Jonas Kaufmann – Meinen die wirklich mich?“ (Thomas Voigt, Henschel Verlag, 176 Seiten, 19.90 Euro)

 

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