Kultur Groß-Integrator mit Halb-Playback

Authentisch trotz Halb-Playback: „Toots“ Hibbert. Foto: Matthias Hertlein

NÜRNBERG - Schnörkel- und zeitlos: Toots & The Maytals jagten ihre Klassiker durch den Hirsch

 

Halb-Playback? Bläser aus dem Synthesizer? Was soll’s! Der Nürnberger Hirsch ist rappelvoll, Toots’ Hitdichte unfassbar, seine Maytals hat der Pate des Rocksteady auf Enkelinnen-Format verjüngt, und die fünfköpfige Band wandelt mit schlafwandlerischer Sicherheit durch vier Jahrzehnte Offbeat-Historie.

„The man who named Reggae“, wie ihn vor dem Gig sein Bassist vorstellt, zieht auch 47 Jahre nach den ersten legendären Studio-One-Aufnahmen die Massen in seinen Bann: Hippies, Skinheads, Dancehall-Jünger, Rastafaris – der große Integrator wirkt generationen- und kulturübergreifend. Das Geheimnis von Toots, Desmond Dekker, den Skatalites und anderen Zeitgenossen ist jene popkulturell vielbemühte Authentizität: „54-46 That's My Number“, „Monkey Man“, „Funky Kingston“ sind schnörkel- und zeitlose Klassiker karibischer Volksmusik, die längst wahre Weltmusik geworden ist – ohne Ethno-Kitsch und Vereinnahmungsversuche wohlmeinender Studienräte.

Wie alt Toots 2010 ist, weiß keiner genau. Dass er sein Repertoire weiter so rauh und ungehobelt von der Bühne wegperformt, zeugt weniger von den konservierenden Fähigkeiten jamaikanischer Rauchkräuter, denn von einer riesigen Liebe zu Musik und soziokulturellem Bewusstsein. Da verzeiht man auch, dass nicht jede Lippenbewegung synchron zur Musik war. Steffen Windschall

 

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