Kultur Goldenes Kassengift?

In Mathieu Amalrics (Mitte) Film „Tournée“ geht es um einen gescheiterten Fernsehproduzenten, der mit einer Truppe Burlesque-Tänzerinnen neues Glück sucht. Foto: AP

Das Filmfestival in Cannes diskutiert den Bericht eines US-Branchenblatts, das die Palmen-Sieger zu Verlierern im Kinogeschäft runterrechnet. Und alle warten auf Oliver Stones Wall-Street-Schelte

 

Man nennt ihn ehrfürchtig „Monsieur Cinema", er ist die greise Eminenz und Herr über den „Bunker", wie man das 70er-Jahr-Monster des Palais du Festival nennt. An Gilles Jacob, seit 34 Jahren erst Programmchef, dann Präsident der Filmfestspiele an der Cote d'Azur, und seinen 80 Jahren prallt jeder Zukunftspessimismus ab: „Jedes Jahr gibt es extreme Nervosität um das Festival – sei es künstlerisch, wirtschaftlich oder politisch. Und ich gebe zu: Dieses Jahr ist der Siedepunkt gleich in allen drei Fragen erreicht. Aber so lange 11000 Journalisten akkreditiert sind und 40000 Menschen der Filme wegen kommen und 16000 zusätzliche Arbeitskräfte gebraucht werden, ist das Krisengequatsche letztlich unangebracht."

Wirklich? Immer mehr Produzenten und Verleiher scheuen die hohen Kosten, in Cannes ihren Film zu zeigen. Und die Amerikaner meiden den offiziellen Wettbewerb, weil zum Beispiel Oliver Stone keine Lust hat gegen einen ukrainischen Erstlings-Film leer aus zu gehen. Jetzt hat noch das internationale Filmbranchenmagazin eine große Statistik errechnet mit der ketzerischen Frage: Was bringt eigentlich eine Goldene Palme?

Und weil die Zeitschrift „Screen“ us-amerikanisch ist, hat sie den Wert der Palme auf den Dollar genau ausgerechnet. Der letztjährige Gewinner, Hanekes „Weißes Band" hat international über 24 Millionen Dollar eingespielt, 25 Millionen „Die Klasse", der französische Sieger vom Jahr davor, „Gomorrha" (Großer Preis der Jury) sogar 34 Millionen. Dann kommen die Ausreißer nach unten: Der rumänische Abtreibungsfilm „Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage" von 2007 noch 9 Millionen, das belgische Drama 2Das Kind" 2005 noch 5,7 Millionen Dollar.

Markt der Eitelkeiten

Nun? Das ist für einen absoluten Filmkunst-Film gar nicht so schlecht. Ridley Scott, der sich mit seinem „Robin Hood" als Eröffnungsfilm ebenfalls dem Wettbewerb entzog, hat es ganz brutal gesagt: „Cannes ist vor allem ein Filmmarkt, wo ich meine Filme verkaufen kann!" Das ist das eine Schwergewicht des jährlichen Balanceakts an der Croisette. Aber im Wettbewerb tummeln sich vor allem schwierigere Filme für „Cinephile" wie man hier sagt. Und so hat man den visionären Träumer Tim Burton zum Jury-Präsidenten gemacht. Auf der Pressekonferenz wurde er gleich mit dem Dilemma von Cannes konfrontiert: Es ist kein einziger kommerzieller Film im Wettbewerb", stellte ein britischer Journalist trocken fest. Da konterte Burton glucksend zwischen Mitjuroren Kate Backinsale und Antonio Banderas: „Das ist es ja, worauf ich mich freue!"

Bleibt als drittes Cannes-Thema, die politischen Verwicklungen des Festivals: Der italienische Kulturminister hat sein Kommen abgesagt, weil ein Berlusconi-kritischer Film über die Schein-Politik des italienischen Ministerpräsidenten hier gezeigt wird: „Dracquila": Berlusconi als Medien-Aussauger nach dem Erdbeben in Aquila. Aber auch die Franzosen bekommen ihre verdrängten Untaten um die Ohren gehauen: Im Wettbewerb ist der Film des arabo-Franzosen Bouchareb über französische Kriegsverbrechen in Algerien, der passenderweise „Gegen das Gesetz" heißt. Französische Politiker haben ihn schon als „unfranzösisch" und „nestbeschmutzend" verunglimpft, bevor er seine Weltpremiere erst am Ende des Festivals haben wird.

Jetzt aber warten alle auf Oliver Stones „Wall Street"-Fortsetzung „Money never sleeps". Wird aber der gierige Finanz-Zocker wieder zur Identifikationsfigur einer Gier-ist-geil-Mentaltät wie 1987 mit Michael Douglas als Zocker-Ikone Gordon Gekko? „Dieses Missverständnis will ich diesmal vermeiden", hat Oliver Stone versprochen.

Adrian Prechtel

 

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