Kultur Gereimt zurückfeuern

Eminem, der 1972 in St. Joseph, Missouri als Marshall Bruce Mathers III geborene King of Rap. Foto: Label

Statt Selbstmord und Drogen eine neue CD: Eminems „Recovery“ ist ein großes Comeback- Album, das den HipHop Richtung Pop öffnet. Nur Pink und Rihanna wären entbehrlich gewesen

 

Ein Mann mit leerem Blick auf einem Wolkenkratzer. Ein Schritt nach vorne – es wäre sein letzter. Ein kurzes Zucken, die Gesichtszüge verhärten sich – und dann passiert’s: Er lässt eine Schnellfeuereinlage auf den verblüfften Zuschauer los, mit Wortkaskaden statt Kugeln. Es ist Eminem in seinem neuen Video zu „Not Afraid“. Und die Satzeinschläge, die uns treffen, sind geschickt verzahnte Reime, schnell, hart, präzise.

Mit dieser pathetischen Mutmach-Hymne gelang Eminem gerade ein spektakuläres Comeback: Von 0 auf 1 schoss der Song in den US-Charts. Das dazugehörige Video nahm die düster-melancholische Stimmung seines neuen Albums „Recovery“ (Universal, ab Montag) vorweg. Hier rappt sich der erfolgreichste HipHopper die Drogenvergangenheit von der Seele. An seinem Tiefpunkt stand er nur Stunden vom eignen Tod entfernt, bekannte Eminem.

Ausgenüchtert

Während Kritiker darin billige PR witterten, nahmen ihm Fans die TV-Beichte ab. Denn in den letzten Jahren entwickelte sich der Mann, der fast 80 Millionen Platten verkauft hat, den Oscar gewann und selbst härteste HipHop-Atheisten bekehrte, zu einem Wrack. Zu Hause eingeigelt, bekämpfte er Depressionen mit Tabletten und viel härteren Drogen-Geschützen.

Eminem war aufgeschwemmt, dauer-umnebelt. Seine letzten Platten („Encore“, „Relapse“) waren Zeugnisse der Krise. Die stampfenden Beats von Eminem und seinem Mentor Dr. Dre lagen zwar immer noch über dem HipHop-Durchschnitt, aber was hieß das schon in einer Musikrichtung, die seit Jahren an Innovationsarmut leidet. Nun also das Comeback mit dem programmatischen Heilungs-Titel „Recovery“.

Wie steht’s um Eminems Genesung? Auf jeden Fall macht der 37-Jährige keinen Hehl aus seinem vorherigen Niedergang: „... diese letzten Alben da zählen nicht: ,Encore’ – noch’ war ich auf Drogen. Und bei ,Relaps – Rückfall’ spülte ich sie raus’“, lautet die Selbstanklage in „Talkin’ 2 Myself“.

Auferstanden aus Ruinen

Auf der eingängigen Kollaboration mit dem R’n’B-Sänger Kobe geht Eminem noch einen Schritt weiter und bekennt, vor Neid auf die Erfolge der Rapper Lil’ Wayne und Kanye West beinahe einen seiner gefürchteten Diss-Tracks geschrieben zu haben. Aber diese typische Form der Hip-Hop-Attacke richtet Eminem auf „Recovery“ mehr gegen sich selbst. Trotz allen Frusts über die verko(r)kste Vergangenheit blickt er wieder nach vorne. Bei seiner musikalischen Auferstehung befreit er sich vom Ballast pubertärer Blödel-Singels, zeitfressendem Zwischen-Gequatsche (Skits) und von seinen alten Rap-Kompagnons: Dr. Dre darf „Slim Shady“ nur noch bei einen Song mit Westcoast-Beats verarzten, während die Proleten-Kumpels aus dem 50 Cent-Umkreis völlig fehlen. Der immer mehr selbst singende Eminem vertraut jetzt auf die samplelastigen Arbeiten der Nachwuchsproduzenten DJ Khalil, Jim Jonsin und Just Blaze, die ihn weiter vom Gangsterrap in Richtung Pop führen. Sie fürchten sich nicht einmal vor trashigen Eurodance-Remixen.

Dazu passen auch die radiotauglichen Gastbeiträge von Pink und Rihanna. Aber die rockige Pink-Kollabo klingt bemüht und die aalglatte Rihanna-Pop-Ballade schielt zu stark auf den Chart-Thron. So ist Eminem am besten, wenn er aggressiv („Almost Famous“) oder im gefühlvollen Akustikgitarrengewand („Space Bound“) seine Lebensbeichte in genial gereimte Nonsense-Wortgirlanden packt. Zur endgültigen Genesung fehlt nur noch die Tournee zu den angekündigten Festivalauftritten in Europa.

Florian Koch

Eminem: "Recovery", Universal

 

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