Kultur Gefahren unseres Absturzes

„Sommergäste/Nachtasyl“ von und nach Maxim Gorki zeigt, was passiert, wenn man dekadenten, gelangweilten Leuten die bürgerliche Sicherheit nimmt. Szene mit (von links) Caroline Ebner, Katja Bürkle (im Interview) und Paul Herwig. Foto: Arno Declair/Kammerspiele Foto: Arno Declair/Kammerspiele

Wenn das gehobene Bürgertum den Boden unter den Füßen verliert: Karin Henkel inszeniert „Sommergäste/Nachtasyl" nach Maxim Gorki an den Kammerspielen mit Katja Bürkle

 

Es sind ganz unterschiedliche Welten, die der russische Sozialdramatiker Maxim Gorki in „Sommergäste" (1904) und „Nachtasyl" (1903) beschreibt. Zum einen Wohlstandsbürger, die den Sommer auf dem Lande mit Nichtstun verbringen. Zum andern Obdachlose und Gestrandete in einer Notunterkunft. Doch die Regisseurin Karin Henkel, die erstmals an den Kammerspielen inszeniert, entdeckt Gemeinsamkeiten und verknüpft beide Stücke zu einem Abend. Alle 13 Darsteller spielen sowohl einen Sommergast wie auch einen Nachtasylanten. Katja Bürkle verkörpert die Anwaltsgattin Warwara und die Herbergswirtin Wassilissa.

AZ: Fau Bürkle, wie verbinden sich die Dramen auf der Bühne?

KATJA BÜRKLE: Alle Figuren der „Sommergäste" haben ein biografisches Pendant in „Nachtasyl". Wir starten mit den „Sommergästen", dann sehen wir, was geschieht, wenn die Konventionen fallen, wenn Figuren den Boden unter den Füßen verlieren, wenn Verletzungen nicht mehr nur verbal sind, sondern physisch werden. Das „Nachtasyl" als Albtraum der „Sommergäste" quasi.

Warwara ist unglücklich und unausgefüllt. Sie klagt immer, dass man besser und sinnvoller leben müsse, hat aber nicht die Kraft dazu.

Ich sehe sie als sehr einsamen Menschen. Sie ist jung, intelligent, hätte alles Mögliche machen können. Sie heiratet, vielleicht sogar aus Liebe, und jetzt ist die Ehe trostlos. Warja ist eine Beobachterin. Alle steuern sie an und erzählen von sich, jeder wird bei ihr seine Probleme los. Sie hört sich alles an, bis ihr der Kragen platzt. Irgendwie verrutscht da ein wenig die Realität, da tun sich Leerstellen und Abgründe auf.

Auch die „Nachtasyl"-Wirtin Wassilissa ist unglücklich verheiratet. Sie hat ein Verhältnis mit dem Dieb Pepel.

Das ist eine Fortführung der Familienkonstellation aus „Sommergäste". Da ist es Warjas Bruder Wlas, mit dem sie als Einzigem Zärtlichkeiten austauscht. Der wird im „Nachtasyl" zum Liebhaber.

Den Wassilissa zum Mord an ihrem Mann anstiften will.

Aber sie schmiedet keine perfiden Pläne. Sie ist sehr eruptiv, ein in die Ecke gedrängtes Tier. Keiner kommt hier aus seinem Leben raus. Und wenn man selber nicht rauskann, sollen's die andern auch nicht.

Armut und asoziale Verhältnisse gibt es auch heute.

Unser Ausgangspunkt war nicht ein Prekariat, sondern der gehobene Mittelstand der Sommergäste. Da kann jeder jemanden wiedererkennen: Das sind alles pralle Menschen, wie sie heute auch rumlaufen. Uns interessiert: Wo kriegt das Risse, wo wird es brüchig im Umgang miteinander? Welche Verabredungen gibt es, wie man miteinander leben soll? Was und wie ein Mensch wirklich ist, erkennt man doch meist erst im Fall einer Katastrophe.

Sie kennen Karin Henkel aus Stuttgart, wo Sie zwei Mal mit ihr gearbeitet haben.

Sie denkt extrem scharf und ist eine totale Schauspieler-Regisseurin. Sie versucht, jeden Charakter so reich wie möglich zu machen und arbeitet sehr konkret. Im besten Fall guckt man uns beim Leben zu.

In dem Stück „Familienbande" von Lola Arias, das im Werkraum läuft, spielen Sie mit Ihrer Lebensgefährtin Ihre eigene Familiensituation. Bekommen Sie ein Feedback von Zuschauern?

Die Menschen kommen meist gut gelaunt aus den Vorstellungen. Lola wollte das Funktionieren einer ungewöhnlichen Familie mit großer Normalität zeigen. Manchmal gibt's irritierte Fragen: Ist das wirklich wahr? In den meisten Fällen löst der Abend beim Zuschauer ein Nachdenken über die eigene Familie aus.

Gabriella Lorenz

 

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