Kultur Ein gelangweilter Anwalt

Der schwedische Maler Frederik Westin (1782-1862) porträtierte seinen König Karl XIV. Johan als Feldherr. Foto: Archiv

Die Blutauffrischung durch Quereinsteiger hat bei den Schweden Tradition: Der Begründer der Dynastie Bernadotte war ein General Napoleons

 

Manche halten ja den Aufstieg eines Fitnesstrainers ins schwedische Königshaus für bemerkenswert. Die unglaublichste Karriere aber gelang dem Begründer des heutigen schwedischen Königshauses, Jean Baptiste Bernadotte.

Noch auf seinem Totenbett 1844 soll er diktiert haben, er habe „eine Laufbahn vollendet, die keiner gleicht, seit die Erde aus dem Chaos stieg“. Pathetische und eher nachträglich erfundene Worte, wie sein deutscher Biograf Jörg-Peter Findeisen glaubt. Der Historiker hat nun eine umfassende Biografie über den Mann vorgelegt, der am 26. Januar 1763 als fünftes Kind eines Sachverwalters im französischen Örtchen Pau am Fuße der Pyrenäen geboren wurde und 26 Jahre lang als König Karl XIV. Johann Schweden (und Norwegen) regierte.

Möglich wurde dieses Märchen natürlich durch Napoleon, der die alten Ordnungen Europas völlig außer Kraft setzte, und durch das politische Geschick Jean Baptistes. Dessen Laufbahn verlief zunächst in den normalen Bahnen, wenn auch mit einem steilen Aufstieg in der französischen Armee, in die er eingetreten war, weil ihn seine Anwaltslehre langweilte.

Zunehmend entfernte er sich von Napoleon

Als mutiger, bisweilen unbeherrschter, aber überaus loyaler Soldat machte er schnell Karriere und war schon 1790 Hauptmann und Bataillonschef. Als er dem bei seinem Italienfeldzug in Schwierigkeiten geratenen Napoleon zu Hilfe eilte, begann das wechselvolle und komplizierte Verhältnis der beiden machtbewussten Männer, die bald auch familiär eng verzahnt waren: 1798 heiratete Bernadotte Désirée Clary, die lange Napoléons Verlobte gewesen und deren Schwester Julie mit Napoleons Bruder Joseph verheiratet war.

Doch Bernadotte unterschied sich vom Rest des korsischen Clans. Er war politisch weitaus kompetenter als Napoleons Brüder und teilte keinesfalls den Willen, sich blind auf dessen Seite zu schlagen. So kritisierte er Napoleons Ägyptenfeldzug und verhielt sich auch beim Staatsstreich des Korsen neutral.

Bernadottes wundersamer Aufstieg zum schwedischen König begann mit seinem Posten als Gouverneur und Oberbefehlshaber der deutschen Hansestädte mit Hauptsitz in Hamburg im Jahr 1807. Da er sorgsam auf die Nicht-Ausbeutung der besetzten Gebiete achtete, war Bernadotte bei der Bevölkerung sehr beliebt.

Als in Schweden ein Thronerbe gesucht wurde, fiel bald die Wahl auf Bernadotte, auch weil die Schweden in einem Günstling Napoleons die Garantie für ihre Sicherheit und die Rückeroberung Finnlands von Russland sahen.

Der schwedische Städtetag wählte am 21. August vor 200 Jahren Bernadotte einstimmig zum Kronprinzen von Schweden. Acht Jahre später wurde er König. Da war Napoleon schon längst auf St. Helena verbannt und voller Hass auf den Mann, der als Oberbefehlshaber der Nordarmee in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 sogar gegen ihn gekämpft hatte. Denn Bernadotte war fortan nur noch loyal zu seinem Königreich, das er schon bei Napoleons Herrschaft der hundert Tage aus allen Wirren fern hielt. „Schweden auf den Weg der glückseligen Neutralität zu führen“, wie Findeisen bilanziert, ist Bernadottes große Hinterlassenschaft. Bis heute.

Volker Isfort

Jörg-Peter Findeisen: „Jean Baptiste Bernadotte“ (Casimir Katz Verlag, 384 S., 24.80 Euro)

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