Kultur Echte Teamplayer auf Betriebsausflug

Herr Doktor, umringt von Chirurgen: Sichtbar Italien-inspiriert hat Adriaen Backer „Die Anatomie des Dr. Frederik Ruysch“ 1670 gemalt. Und jeder musste gleichviel fürs Konterfei berappen. Foto: Pinakothek der Moderne

„Goldenes Zeitalter“ – bedeutende holländische Gruppenporträts machen Station in der Alten Pinakothek. Einige davon haben zum ersten Mal seit ihrer Entstehung vor gut drei bis vierhundert Jahren Amsterdam verlassen

 

Das muskulöse Bein ist angewinkelt, der wächserne Körper liegend in den Kontrapost gedreht. So, als würd’ sich’s einer im Schlaf bequem machen. Tatsächlich tut sich ein schauriges Szenarium auf, der wohl proportionierte Schönling wird seziert. Und eleganter kann eine Leiche kaum liegen. Damit müssen sich die fast statuarisch kühlen Chirurgen abfinden. Sie wollten es nicht anders, hier geht’s allein um Repräsentation. Die „Anatomie“ des Adriaen Backer ist ein besonders delikates Beispiel im exklusiven Dutzend der holländischen Gruppenporträts, die derzeit in der Alten Pinakothek zu sehen sind.

Mächtig im Format und aufs Engste mit der umwerfenden Erfolgsgeschichte Amsterdamer Bürger verbunden, hat kaum einer dieser Prachtschinken je das Land verlassen. Doch weil das Historische Museum der Stadt gerade renoviert wird, dürfen die drei- bis vierhundert Jahre alten Herren – und Damen – auf Club-Urlaub. Kurz. Nach Wien ist München die zweite und letzte Station auf diesem Betriebsausflug der Upper class. Und damit hat der still vor sich hintagende Vorstand der Amsterdamer Weinhändlergilde endlich adäquaten Besuch aus der fernen Heimat.

Reichtum im Schlichten

Das Hauptwerk des Rembrandt-Schülers Ferdinand Bol gehört seit 1930 zum Bestand der Staatsgemäldesammlungen und ist im weiteren Umfeld der überschwappenden Sinnlichkeit des katholischen Rubens ein dürrer Einzelkämpfer. Man muss schon genau hinsehen, um den versteckten Luxus im schwarzen Rock (natürlich aus dem allerfeinsten Stöffchen), den Reichtum im Schlichten zu entdecken, die Überlegenheit. Ganz ohne güldenes Brokat und funkelnde Juwelen. Denn damit prunkten zur gleichen Zeit die absolutistischen Herrscher Rest-Europas. Die mussten übrigens geblendet sein von so viel Bürgerstolz und Kapital.

Und sich in Acht nehmen. 1578 gelang es den protestantischen Amsterdamern, sich von den spanisch-katholischen Machthabern zu befreien, als Alteratie ging dieser Umsturz in die Geschichte ein. Imposante Schützenstücke zeugen heute noch von der Wehrhaftigkeit der Bürger, die am Anfang tatsächlich noch selbst zur Hakenbüchse oder zur Armbrust griffen. Das hatten die Herren später nicht mehr nötig, beim friedlichen Geschäftemachen war man zu vermögend geworden. Und die Gildenaufmärsche glichen bald Kostümfesten und Gelagen – Austern waren da schon mal im Spiel – gleichwohl in gefasster Noblesse.

Abreibung mit dem Schuh

Man hatte schließlich Vorbildfunktion. Und hing in Rathäusern und Vorstandsstuben. Denn diese ersten Global Player hatten strenge moralische Verpflichtungen. Wie streng, das sieht man an den „Regentinnen und Hausmüttern des Amsterdamer Spinnhauses“ von Dirck Dircksz van Santvoort. Herb blicken uns die vier Damen entgegen, den Finger zum Beweis für ihr korrektes Walten auf den Rechnungsbüchern. Man zuckt fast zusammen unter diesen frostigen, auch selbstgerechten Blicken. Und tatsächlich hatten die gefallenen Mädchen, die Prostituierten und Diebinnen nichts zu lachen in dieser Besserungsanstalt. Daneben, im Regentenstück von Bartholomeus van der Helst, öffnet sich der Blick auf eine junge Frau, die eben ihre Abreibung erhält. Mit einem Schuh.

Doch bei aller Krudität war das Sozialsystem im Amsterdam des 17. Jahrhunderts hochmodern. Kranke und Waisen fielen in ein Netz, wie’s in anderen Staaten sehr viel später noch nicht geknüpft war. Auch davon zeugen diese Porträts, getragen von einem Teamgeist, den nicht nur die Schützen und die Regentinnen demonstrieren. Sondern auch die konkurrierenden Handwerker, unter denen die Chirurgen mit ihrer grausigen Zutat echte Exoten sind. Rembrandts Dr. Tulp ist zwar nicht unter den feinen Gästen, doch das nimmt nichts vom Reiz dieses „Goldenen Zeitalters“ in der Pinakothek.

Christa Sigg

Bis 27. Februar, Alte Pinakothek, Dienstag 10 bis 20, Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Katalog 14.90 Euro

 

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