Kultur Die Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld

Die Band um das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne in den kanadischen Bergen nahe Sherbrooke, Quebec. Foto: Eric Kahne

Das neue Album der Indie-Rockband Arcade Fire aus Kanada

 

Die Häuser hocken brav hinter den Holzzäunen. Da gibt es diesen Baum, von dessen Ast die Reste einer Kette baumeln. Vor Zeiten muss da eine Schaukel gehangen haben. Der aufgerollte grüne Gartenschlauch. Menschenlos sind die Bilder im Booklet des neuen Arcade-Fire-Albums. Sein Titel ist Thema: „The Suburbs“.

Den Pop dominieren normalerweise die urbanen Beats und als Gegenpol der Folk-Traum vom Land. Die Vorstadt ist nicht die Kleinstadt und über die ist schon kaum gesungen worden. Die Vorstadt ist genormte Langeweile hinter funktionaler Fassade. Dass Arcade Fire diesem vergessenen Aufwachraum ihr Album gewidmet haben, zeigt das Vermögen dieser siebenköpfigen kanadischen Gruppe.

Ihr Debüt „Funeral“ war 2004 ein Album über den Tod, nicht weniger existenziell der Nachfolger „Neon Bible“. Im Hintergrund der Arcade-Bühne erhoben sich bei ihren Konzerten Orgelpfeifen. Die warteten, bis der Sound zum Himmel aufbrauste, um mitzupusten. Rückblickend sieht man, dass Arcade Fire damals dem Folk-Rock ein neues Klangfeld erschlossen. Steigerbar war dieser Sakral-Pop schon mit ihrem letzten Album nicht mehr.

Notizen aus der Provinz

„The Suburbs“ hat auch diese in Wiederholung sich immer tiefer schraubenden Melodielinien. In „Half Light II (No Celebration)“ verlässt der Sänger San Francisco in Richtung Geburtsstadt, und die immer wieder fallende Kadenz seiner Stimme ist jedes Mal ein neuer Abschied. Hinter ihm sind die Märkte zusammengebrochen. Eines Tages, sagt er, werden wir den Preis für das zahlen müssen, was wir verloren haben.

Das Verlorene ist Klangerinnerung geworden: In Arcade Fires Fall an den elektronischen Beat der 80er und den hellen Sound der Wave-Disco. Hier lügt das aber nicht die neueste Partymode vor, sondern schwappt aus dem Unterbewusstsein der Band auf ihre Platte. Und weil die Erinnerung so wehmütig trügt, sind die Klänge groß geworden, mächtig – ein Dancefloor-Orchestra wie in „Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)“.

Die Vorstadt ist für die, die ihr entkommen sind, eben nicht der sedierte Ort der Unerfüllung, sie ist die Erinnerung an einen Moment, als das Leben noch die Luft anhielt – ein Paradies der „verschwendeten Stunden, bevor wir wussten, wo wir hingehen und was wir machen würden“, wie es in „Wasted Hours“ heißt. „Month Of May“ – hier geht es in die Band-Garage, und während die Gitarre den Rock’n’Roll scheppert, träumt man von der Platte, die man aufnehmen wird – eines Tages im Mai. Die Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld ist so stark, dass es den letzten Song, den Epilog dieses Albums fast zerreißt: „Wenn ich sie zurückhaben könnte / All die Zeit, die wir verschwendet haben / Ich würde sie nur wieder verschwenden“.

Christian Jooß

Arcade Fire: „The Suburbs“ (City Slang)

 

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