Kultur Die Maske runterreißen

Eine der wenigen internationalen deutschen Superstars: Ute Lemper singt, tanzt, spielt, verführt und verehrt Brecht und Weill. Foto: Brechtfest

Ist Brecht heute zu bequem? Hatte er mit seiner Kritik am Kapital Recht? Fragen zum Brecht-Festival in Augsburg an Ute Lemper

 

Aus ihrer Wahlheimat New York kommt Ute Lemper am Donnerstag zum Brecht-Festival Augsburg in die Stadthalle Gersthofen.

AZ: Frau Lemper, Brecht war auch Publikums- und Bürgerschreck. Er hat auf den Bühnenvorhang geschrieben: „Was glotzt ihr so romantisch?“ Was kann man gegen „romantisches Glotzen“ tun?

UTE LEMPER: Erstmal die Glotze abstellen und ins Theater gehen, wo Klassiker auch mal gegen den Strich gebürstet werden.

Sie sagen oft, Provokation muss sein. Gibt es in Ihren Shows romantische Glotzer?

Ja, aber letztlich ist das auch o.k.. Und der Stachel gegen die oberflächliche Sektlaune im Repertoire-Programm liegt in den Brecht-Liedern selbst. Die muss man halt sehr direkt, puristisch rüberbringen – und doch dabei Gefühle des Songs stark wirken lassen. Ich selbst spiele ja auch, rede mit dem Publikum, verjazze Songs, improvisiere und aktualisiere. Große Literatur verbraucht sich ja auch nicht, wie Goethe oder Charles Bukowsky.

Brecht soll ursprünglich auch Melodien zu seinen Texten selbst komponiert haben.

Ja, in jungen Jahren.

Kann man sich Brecht als Barden vorstellen?

Ja, und ich kenne einige Urversionen. Die sind nicht besonders gut – sehr einfach, volkstümlich. Aber erst Weill hat das dann wirklich zu großen Songs gemacht.

Und was ist die Stärke der Brecht-Weill-Kombination?

Die wunderbar seltene Kombination aus poetisch und realistisch. Das – zusammen mit politischer Provokation – findet man von Brecht inspiriert auch bei anderen wie Jacques Brel, selbst bei Astor Piazzolla. Auch das werde ich an diesem Abend zeigen.

In Deutschland ist eine neue Kommunismus-Diskussion entflammt, weil „Die Linke“ sich nicht von diesen Utopien trennen will. Was würde Brecht dazu heute sagen?

Brecht hat als Letzter und damit am besten gelacht. Auch, weil er rechtzeitig gestorben ist, ehe die DDR endgültig in den Stalinismus abrutschte. Wenn er die DDR danach erlebt hätte, hätte er sich im Grab umgedreht. Aber von der Idee eines gerechteren Ausgleichs zwischen Arm und Reich wäre er nie abgerückt!

Nun gibt es ja auch eine Krise des Kapitalismus.

Brecht hat satirisch und revuehaft zum Beispiel in der „Dreigroschenoper“ das Unschöne am Kapitalismus offengelegt – die Überschreitung der Grenze, wenn der Kapitalismus zum Verbrechen wird. Das passiert früher als wir wahrhaben wollen, nämlich schon im Moment, wo Profit das einziges Ziel ist.

Und Brecht geißelt das!

Ja, er hat Banken und Spekulanten die Maske runtergerissen, genau denen, die sich zuvor als die Helden unserer Gesellschaft dargestellt haben, die den wirtschaftlichen Fortschritt garantieren. Eine Farce! Brecht hat und hätte heute dazu einiges zu sagen!

Brecht wollte mit der „Dreigroschenoper“ der „Oper die Blödheit austreiben“. Aber seine Musiktheaterform ist ohne Nachfolger geblieben.

Immerhin ist sein Musiktheater die Urvision des intelligenten Musicals ohne Kitsch und Schlager-Verflachung.

Aber das Musical ist doch eher ein anglo-amerikanisches Phänomen geblieben.

Ja, die großen Komponisten emigrierten in die USA. Zwischen 1938 und 1955 war in Deutschland kulturelle Eiszeit.

Wieso bis 55?

Nach der Stunde Null hat man sich ja vor allem an den Amis orientiert, die Jazz mitbrachten. Dann kam Rock’n’Roll, Beat, Pop. Die anfängliche große Musical-Zeit mit Gershwin und Porter hat in Deutschland also nicht stattgefunden.

Am Ende einer Show sind Sie mit Songs und Spiel durch alle Höhen und Tiefen der Gefühle gegangen. Sind Sie da nicht völlig ausgepumt?

Diese Erschöpfung ist ein Privileg des Künstlers: Alle inneren Saiten anzuspielen, klingen zu lassen, wer hat sonst Gelegenheit dazu? Die meisten müssen ja immer funktionieren in Familie und Büro.

Und Sie müssen auf der Bühne nicht funktionieren?

Doch. Aber ich muss meine Gefühlstiefen eben nicht langsam zuschütten, wie viele das im Alltag machen, sondern kann sie letztlich kraftspendend ausleben, ich schöpfe aus der Erschöpfung am Ende eines Abends.

Adrian Prechtel

Brecht Festival Augsburg, 3. bis 13. 2., www.brechtfestival.de. Eröffnungskonzert: Ute Lemper, Do, 3.2., 20 Uhr, Stadthalle Gersthofen. Wir verlosen 3 x 2 Karten. Wer gewinnen will, ruft am Mo, 12 Uhr, unter Tel. 2377190 an.

 

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