Kultur Die Detektive als Kritiker der Mörder

Argentinieng glänzt neuerdings nicht nur im Fußball, sondern auch literarisch. Foto: AP

Zwei außergewöhnlich gute Krimis aus dem Buchmessen-Gastland Argentinien

 

In kaum einem Land hat der Krimi einen so hohen literarischen Stellenwert wie in Argentinien. Das liegt natürlich an der Vorarbeit der Säulenheiligen Adolfo Bioy Casares und Jorge Luis Borges. Ein erklärter Schüler dieser literarischen Rätselkünstler ist der 45-jährige Pablo De Santis, hierzulande schon mit einem halben Dutzend seiner Werke eingeführt.

Da heuer das Land am Rio de la Plata Gast auf der Buchmesse in Frankfurt ist, boomen die argentinischen Übersetzungen. De Santis’ neuer Roman „Das Rätsel von Paris“ ist ein Lesevergnügen der ganz besonderen Art. Zwölf internationale Meisterdetektive, zusammengeschlossen in einem Club, treffen sich zur Weltausstellung in Paris 1889, die ganz von der Errichtung des Eiffelturms beherrscht wird. Craig, der argentinische Gründer des Clubs, bleibt in der Heimat und schickt seinen Assistenten nach Paris. Dort überschlagen sich die Ereignisse, als einer der Detektive vom Eiffelturm stürzt. Was nach Unfall aussehen sollte, war offensichtlich Mord.

Labyrintische Wendungen

Dem Leser wird bei diesem Buch fast schwindlig angesichts der unglaublichen Wendungen, mit denen Pablo De Santis, durch sein Labyrinth dieses Falls (und folgender Fälle) führt. „Die Mörder sind die Künstler und die Detektive ihre Kritiker“, heißt es in dem Romans, denn Ermittlungen sind hier vor allem eine Frage des intellektuellen Stils.

Natürlich erwähnt auch der argentinische Autor Ernesto Mallo seinen Borges, aber erst auf der letzten Seite von „Der Tote von der Plaza Once“. Stilistisch nämlich gibt Mallo eine ganz andere Richtung vor. Sein Ende der 70er Jahre angesiedelter Krimi ist ein ungemein packendes Geschichtsbuch über das wohl düsterste Kapitel der jüngeren argentinischen Geschichte, die Militärdiktatur unter der Führung von Jorge Rafael Videla.

Die Zeit des Schreckens

Zehntausende Regimegegner verschwanden damals in den Folterkellern. Buenos Aires wurde beherrscht von dunklen Ford Falcons, in denen bewaffnete Häscher durch die Stadt eilten. Hinter einem Schleier aus Trauer über den Unfalltod seiner Gattin verbringt Comisario Lascano seinen Alltag. Er will der Gewalt ein Gramm Gerechtigkeit entgegensetzen. Als er bei einer Razzia die politische Aktivistin Eva entdeckt, nimmt er sie mit nach Hause. Das macht ihn angreifbar bei seinen Ermittlungen in einem Mordfall, der von hoher Stelle gedeckt wird. Mallo, ein Ökonom der Sprache, gelingt ein ebenso harter wie lyrischer Krimi, der ganz nebenbei ein präzises Bild der Gesellschaft liefert.

Volker Isfort

Pablo De Santis: „Das Rätsel von Paris“ (Unionsverlag, 318 Seiten, 19.90 Euro); Ernesto Mallo: „Der Tote von der Plaza Once“ (Aufbau, 216 Seiten, 19.95 Euro)

 

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