Kultur Der Langzeit-Belichter

Dieter Rehm ist der neue Präsident der Akademie der Bildenden Künste. Foto: dpa

Neue Herausforderungen im Kreativ-Palast: Am 1. April tritt der Fotograf Dieter Rehm sein Amt als Präsident der Akademie der Bildenden Künste in München an

 

Im Grunde könnte sich der neue Präsident zurücklehnen: Die Akademie der Bildenden Künste strahlt nach der Komplettsanierung wie ein Bankpalast, die Jubelfeiern zum zweihundertjährigen Bestehen sind überstanden, die grosse Flut der Studentenproteste auch, und die aktuelle Professoren-Liste liest sich nicht schlecht. Ein Zeitpunkt, um entspannt in die kommenden 200 Jahre zu blicken.

Wenn zum 31. März der Bildhauer Nikolaus Gerhart, der seit 2004 an der Spitze der Akademie stand, altersbedingt in den Ruhestand tritt, übernimmt sein bisheriger Stellvertreter, der Fotograf Dieter Rehm (54), das Amt des neuerdings in "Präsident" umbenannten Rektors. Ihn hat der Hochschulrat mit klarer Mehrheit ausgewählt.

Die Krise kommt erst

Allzu gemütlich dürfte es für Rehm allerdings kaum werden, denn der vielumkämpfte "Bologna-Prozess" zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens wird ihn noch beschäftigen - ebenso die Folgen der grossen Krise (und des Landesbank-Desasters), die sicher auch die Mittel für die bayerischen Hochschulen weiter dezimieren wird.

Dieter Rehm ist weder ein High-Society-Löwe wie sein Vorvorgänger Ben Willikens noch ein bayrisch-barockes Original wie sein Vorgänger Gerhart. Rehm ist gebürtiger Schwabe und ein typischer Fotograf insofern, als er Worte vorsichtig setzt und mit der Geduld des Langzeit-Belichters gesegnet scheint. Zeit, um die wechselnden Machtverhältnisse an der Akademie zu beobachten, hatte er genug: Seit 1986 ist er Leiter der Studienwerkstatt Fotografie, seit 2001 Professor, seit 2007 einer der Prorektoren.

Interessante Kollegen

Das nicht gerade als harmoniesüchtiges Wohlfühl-Team bekannte Kollegium nennt Rehm "ein Konglomerat an interessanten Kollegen". Sein neues Amt sieht er betont demokratisch. "Alle, die mitmachen wollen, werden integriert", beteuert er, der auch den Studenten noch mehr Mitsprache gönnt. Darauf wird er bei seiner Dreifach-Tätigkeit auch angewiesen sein - vor allem, wenn er darüber hinaus künstlerisch produzieren will.

Aber Rehm ahnt, was auf auf der schiefen Ebene zwischen alter und neuer Akademie auf ihn zurollt: Etwa, wenn bis 2013 sechs Neuberufungen von Professoren anstehen. Er weiss, wie man zur Neubesetzung Zielvereinbarungen mit dem Wissenschaftsministerium so abschliesst, dass am Ende nicht einfach nur drei Professuren weniger rauskommen.

Der Bachelor marschiert

Nikolaus Gerhart habe, so Rehm, dafür gesorgt, dass das Studium bis 2013 Bachelor- und Master-frei bleibt. Doch er weiss, dass danach Veränderungen anstehen. Und er will "in Ruhe" daran mitarbeiten, dass es für die Absolventen in Zukunft einen "international kompatiblen" Abschluss gibt, "ohne ins Verschulte abzudriften und ohne, dass die künstlerische Ausbildung einschneidend verändert wird".

Wenn es nach ihm geht, soll die Akademie aber auch ein "Biotop" bleiben, "ein Raum zum Experimentieren", wo die Mechanismen des Marktes noch nicht greifen. Darüber hinaus will Rehm, dass "sich die Akademie in die Stadt hinein öffnet", mit diversen Veranstaltungen in der Aula. Er will die Situation der Erasmus-Studenten verbessern, die in Scharen für ein bis zwei Semester kommen - und an der Akademie erstmal ziemlich allein dastehen. Und er will die Kontakte zu anderen internationalen Hochschulen ausbauen, damit auch mehr Münchner sich ins Ausland trauen.

Roberta De Righi

 

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