Kultur Den Staat im Bett

Das Leben besteht aus Entscheidungen: Frank Markus Barwasser schwankt in „Alkaid“ zwischen zwei Kopfbedeckungen. Foto: Thomas Dashuber

Erwin Pelzig kommt ins Residenz Theater: Frank-Markus Barwasser über sein Drama „Alkaid“ im Staatsschauspiel

 

Jeder Kabarettfan und Fernsehzuschauer kennt Erwin Pelzig: Cordhütchen, Herrenhandtäschchen und kariertes Hemd sind seine Markenzeichen. Jetzt ist der fränkische Kleinbürger-Philosoph im Bayerischen Staatsschauspiel angekommen: Sein Erfinder und Verkörperer Frank-Markus Barwasser hat für ihn (und sich in der Hauptrolle) die Komödie „Alkaid – Pelzig hat den Staat im Bett“ geschrieben. Der Film- und Theaterregisseur Josef Rödl inszeniert die Uraufführung am Samstag am Residenz Theater. Gefunden haben sich die beiden durch Rödls Dokumentarfilm „Kabarett, Kabarett“, der am 9. Mai herauskommt. Die Handlung von „Alkaid“ soll zwar bis zur Premiere geheim bleiben, einiges verrät Barwasser aber doch. Barwasser wurde geboren 1960 in Würzburg. Er studierte Geschichte und Ethnologie, war Journalist und tritt seit 1993 als Pelzig auf.

AZ: Herr Barwasser, Alkaid heißt der Endstern im Großen Wagen. Da assoziiert man sofort Al Kaida.

FRANK-MARKUS BARWASSER: Der Stern Alkaid spielt nur eine kleine Rolle. Soviel darf ich verraten: Bei Pelzig quartieren sich zwei LKA-Beamte ein, die von seiner Wohnung aus ein verdächtiges Objekt observieren. Pelzig mischt sich in die Ermittlungen ein und verstrickt sich in die Privatsphäre der Beamten. Die Grenze zwischen dienstlich und privat löst sich auf.

Worauf zielt der Untertitel „Pelzig hat den Staat im Bett“?

Es geht um Terrorismus, Observierung, die falsch verstandene Wahrnehmung von Extremen. Wir wollen immer mehr über das Private wissen und glauben, durch Observierung der Privatheit mehr zu erkennen. Unser Mehr-wissen-Wollen führt nicht zu größerer Sicherheit, sondern zur Auflösung der Privatheit.

Wollen Sie einen Überwachungsstaat zeigen?

Nein. Es geht um Sehen und Gesehen-Werden auf verschiedensten Ebenen, und wie man es falsch verstehen kann. Keiner will einen Präventionsstaat, der nie genug vom Einzelnen weiß. Andererseits haben wir alle ein Sicherheitsbedürfnis und wollen sicher in der U-Bahn fahren. Die Grundsituation ist, dass Beobachter selbst beobachtet werden. Pelzig interpretiert seine Beobachtungen, das führt zu Entwicklungen. Das Prinzip der Romantik steht gegen das Prinzip der Aufklärung: Pelzig vertritt die Romantik, den Widerstand gegen die Erklärbarkeit der Welt. Daran scheitert er am Ende – aber vielleicht auch nicht.

Kann man eine Kabarettfigur aufs Theater verpflanzen?

Mein Anspruch war, wirklich ein Theaterstück zu schreiben. Die Pointe steht nicht immer im Vordergrund. Aber Pelzig muss Pelzig bleiben, und ich muss der Figur treu bleiben. Schwierig war, dass das Ganze bei Pelzig zu Hause spielt. Ich habe noch nie im Kabarett etwas von seinem Zuhause gezeigt. Man weiß nicht, wie er privat lebt. Hier müssen wir ihn verorten, ohne Schrankwand-Klischees zu bedienen.

Trägt Pelzig seinen Hut denn auch zu Hause?

Der Hut ist zeichenhaft präsent wie auch die Handtasche. Aber Pelzig hat ihn überwiegend nicht auf.

Sie spielen Erwin Pelzig seit 1993 – wird der nicht langsam für Sie zum lästigen Korsett?

Das könnte ich so empfinden, wenn ich nicht immer wieder Wagnisse eingegangen wäre und die Figur neuen Situationen ausgesetzt hätte. Nur das Bewährte zu machen, ist uninteressant. Es muss Entwicklungen geben. Die TV-Show ist ja etwas ganz Eigenes. Da verwandle ich mich in Pelzig und vergesse, dass ich eine Kunstfigur spiele. Die Figur ist auch ein Schutz: Ich könnte mir nicht vorstellen, als Barwasser den Promis gegenüber zu sitzen. Barwasser wäre viel zurückhaltender, Pelzig ist unverfrorener. Und wenn ein Scheinwerfer platzt, erschrecke ich als Pelzig, nicht als Barwasser.

Pelzig hat von der Kabarettbühne aus den Hörfunk, die TV-Talkshow, mit „Vorne ist verdammt weit weg“ 2007 das Kino und jetzt das Staatstheater erobert. Was kommt als nächstes?

Also, ich verspreche: Von der Oper lasse ich die Finger. Ich lasse Pelzig nicht singen.

Wie lange wollen Sie noch Pelzig sein?

Ich habe immer gesagt, mit 50 höre ich auf. Aber da ich grad mitten in den Theaterproben 50 geworden bin, wäre das blöd gewesen. Also musste ich verlängern. Ich glaube nicht, dass ich mit 60 noch als Pelzig durch die Gegend tingele. Aber das habe ich vor zehn Jahren auch schon gesagt.

Gabriella Lorenz

Residenz Theater, Sa und So 19 Uhr, Tel. 21 85 19 40

 

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