Kultur Anarchie statt Ideologie

Konstantin Wecker und Hannes Wader wollen nicht mehr aussehen wie 40 – und darüber singen sie natürlich auch. Foto: Matthias Hertlein

Marxismus-Leninismus war ihm immer schon verdächtig, der Neoliberalismus aber auch: Konstantin Wecker über neue Utopien und seine Zusammenarbeit mit Hannes Wader

 

Eben hat Konstantin Wecker den Schwabinger Kulturpreis bekommen. Zusammen mit Hannes Wader hat er live das neue Album „Kein Ende in Sicht“ aufgenommen. Gemeinsam erinnern sich die beiden an ihre Songs und haben eine Meinung zur aktuellen Guttenberg-Republik.

AZ: 2000 hatten Wader und Sie die ersten gemeinsamen Auftritte. Sie kennen sich doch sicher schon länger.

KONSTANTIN WECKER: Sehr lange. Aber das war damals einseitig. Ich war immer Fan von Hannes Wader. Er ist eigentlich noch eine andere Liedermachergeneration. Ich kam als Neueinsteiger in die damalige Szene und er gibt heute offen zu, er mochte mich nicht so recht. Wahrscheinlich war ich zu bayerisch und präpotent. Das hat mich nie gehindert, Fan von ihm zu bleiben. Wir haben uns immer wieder getroffen. Und so hat sich das Blatt gewendet.

War die Szene in den 70ern nicht enger verbunden?

Es gab natürlich Konkurrenzkämpfe und Gruppierungen. ich war rein von der Natur meiner Sprache her mehr mit den Österreichern zusammen. Ich habe mich auch immer mehr der Musikerszene zugehörig gefühlt. Die meisten Liedermacher meiner Generation kommen vom Text und spielen auch noch Gitarre. Ich spiele seit meinem fünften Lebensjahr Klavier.

Man war als Musiker auch ein wenig verdächtig?

Als ich bei mir das wunderbare Cello eingeführt habe, wurde mir vorgeworfen, das sei politisch nicht korrekt, weil das Cello ein bourgeoises Instrument sei. Aber da war ich immer viel zu sehr Musiker, um das ernst zu nehmen.

Sehr wenige Liedermacher singen wie Sie über das Alter.

Das ist schade. Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass das Alter eine logische Krönung des Lebens ist. Hinter der Idee mit 60 aussehen zu wollen wie 40 steckt ja ein falscher Sinngehalt. Es wird an der Jugend mehr verdient als am Alter. Und wir leben nun mal in einer Gesellschaft, die ausschließlich am Markt orientiert ist.

Sie singen auf Ihrem neuen Album über Verteidigungsminister Guttenberg, den AC/DC-Fan?

Der Gag ist ja, dass er mit einem AC/DC-T-Shirt von einer Coverband auftauchte. Es war nicht einmal das Original. Ich finde das passt irgendwie.

Seine Beliebtheitswerte sind enorm hoch.

Erstaunlicherweise ist Guttenberg ja beliebt in einem Amt, das etwas verantwortet, was ein überwiegender Prozentsatz der Deutschen nicht will. Die Deutschen wollen den Afghanistan-Krieg nicht.

Pop und Verteidigungsministerium gehen zusammen.

Sie sehen doch, was für einen riesen Platz in Zeitungen mittlerweile der Gesellschaftsteil einnimmt. Guttenberg ist der erste Gala- und Bunte-kompatible Politiker Deutschlands. Er ist seine eigene First Lady.

Die Rechten bemächtigen sich der Subversionsstrategien der Linken der 60er und 70er.

Natürlich hat die Konterrevolution immer gelernt. Ende der 80er begann das mit dem Neoliberalismus, der entgegen seiner Aussage, liberal und undogmatisch zu sein, eine stramme Ideologie ist.

Das System tarnt sich als unideologisch...

...und verkauft Dinge als Demokratie, die schon lange keine mehr sind. Es ist nicht besonders demokratisch, wenn Banken so sehr das Sagen haben, dass Politiker nichts mehr mitreden können. Eine Bank ist keine demokratische Institution. Das ist eine hierarchische Struktur. Ich sage nicht, dass wir ein undemokratischer Staat sind, aber wir müssen aufpassen, dass sich durch den Neoliberalismus nicht antidemokratische Strukturen breitmachen.

Die Utopie einer besseren Gesellschaft ist heute weiter entfernt als in den 70ern?

Ja. Weil nicht einmal mehr Utopien da sind. Die gilt es, wieder zu entwickeln. Mich haben die strengen ideologischen Anschauungen der 60er damals auch geängstigt. Jetzt sehe ich eine andere Chance über Bewegungen wie Sozialforen, Attac und die Frauenbewegung. Der Leninismus-Marxismus war mir immer schon verdächtig, weil er eben ein Ismus war. Ich komme nun mal aus dem Anarcho-Lager.

Hat sich der Gestus von Hannes Waders „Arbeiterliedern“ überholt?

Wir singen ja auch noch „Bella Ciao“, aber wir sagen auch vorher, dass wir mit diesen Liedern an die Zeit erinnern wollen. „Bella Ciao“ ist ein tolles Lied, es ist mir aber zu blutrünstig. Ich bin Pazifist.

Christian Jooß

Wecker & Wader: „Kein Ende in Sicht“ (Sturm & Klang)

Das heutige Tollwood-Konzert ist ausverkauft

 

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