Kultur Alchimist der Kunst

Seltene Aufnahme des scheuen Malers: Sigmar Polke 2005 vor seinem unbetitelten Werk im Kunsthaus Zürich. [BU]Zeit seines Lebens sprach er kaum mit der Presse, auch Kuratoren kamen schwer an ihn heran. Foto: dpa

Sigmar Polke starb mit 69 Jahren. Werke des deutschen Spitzenkünstlers mit Weltruhm sind auch in Münchner Museen

 

Er war der „große Alchimist“ und unermüdlicher Experimentator: Sigmar Polke, einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, starb gestern im Alter von 69 Jahren nach längerem Krebsleiden zu Hause in Köln, wie sein Galerist mitteilte.

In München kann man seinen Bildern vor allem im Museum Brandhorst begegnen. Schon im Erdgeschoss hängen seine „Drei Lügen der Malerei“ und man erkennt erschrocken, wie bei Polke „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ ein furchtbares Ende nehmen. In der Graphischen Sammlung, in der Pinakothek der Moderne, finden sich grafische Blätter von Polke, gestiftet von Herzog Franz von Bayern.

Auf allen wichtigen Listen international bedeutender Künstler belegte Polke seit Jahren einen der vorderen Plätze. Seine Bilder erzielen auf dem Kunstmarkt Millionenpreise. Noch im vergangenen Monat hatte Polke den mit 100000 Euro dotierten Kunstpreis der Schweizer Roswitha-Haftmann-Stiftung erhalten. Im Laufe seines Lebens war er mit Preisen überhäuft worden.

Ein scheuer Künstler

Dabei hatte die Karriere ganz bescheiden angefangen: Mit einem Geburtstagsbildchen für seinen Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela, der schon in den sechziger Jahren auf den Akademie-Studenten Polke aufmerksam wurde und ihm seine erste Einzelausstellung widmete – das war im Dezember 1966. Die kleine Polke-Schau dauerte damals zwar nur einen Tag, aber sie wurde zum Düsseldorfer Tagesgespräch – zumindest in Kunstkreisen.

Danach entwickelte sich sein Ruhm rasant – doch Polke blieb extrem medienscheu und blieb am liebsten für sich. „Er lässt kaum jemanden an sich ran“, sagte einmal die langjährige stellvertretende Direktorin des Kölner Museums Ludwig, Evelyn Weiss.

Polke lässt sich keiner Stilrichtung eindeutig zuordnen, seine Experimentierfreude blieb unbändig. Bereits als Student in den 60er Jahren begründete er zusammen mit dem Maler Gerhard Richter eine neue Stilrichtung, die sie „Kapitalistischer Realismus“ nannten. Darin karikierten die beiden Künstler die Sehnsüchte der deutschen Nachkriegsgesellschaft.

Sein Atelier ähnelte einem Chemielabor

Den Einstieg in die Kunstszene verschafften Polke vor allem seine Raster- und Dekostoffbilder. Er setzte Bilder aus überdimensionalen Rasterpunkten zusammen, statt Leinwand verwendete er synthetische Flauschdecken, gestreiften Schlafanzugstoff oder Plastikfolien.

Seine Motive waren Themen aus Werbung, Filmwelt oder Comics. In den 70er Jahren durchstreifte Polke Länder wie Mexiko, Australien oder Pakistan nach neuen Motiven und Mythen, wobei die Kamera sein ständiger Begleiter war. Er experimentierte mit sich verändernden Thermo- und Hydrofarben.

So bot er 1986 im deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig ein alchimistisches Schauspiel: Seine wärmeempfindlichen Bilder, die je nach Tagestemperatur in verschiedenen Farben leuchteten, wurden mit dem Goldenen Löwen für die beste künstlerische Leistung belohnt.

In Köln-Zollstock teilte Sigmar Polke sich mit einem Schreiner ein ehemaliges Fabrikgebäude, das ihm als Atelier diente. Dort experimentierte er, wie in einem Chemielabor. Er hantierte mit Silbernitrat, verschiedensten Lacken, Kunstharz, Schellack, Eisenglimmer, Kopiergeräten und Computertechniken. Auch die Fotografie spielte für den Maler eine zentrale Rolle.

Polke wurde in Oels in Niederschlesien geboren. Seine Familie floh 1945 nach Thüringen und siedelte 1953 nach West-Berlin über, ehe sie später nach Düsseldorf zog. Dort begann Polke zunächst eine Glasmalerlehre und studierte dann von 1961 bis 1967 an der Kunstakademie. Zu seinen Lehrern zählte auch Joseph Beuys. Freunde und Sammler schilderten Sigmar Polke als humorvollen und neugierigen Mann.

Petra Albers/AZ

 

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