Kultkneipe in Schwabing Neuer Pächter: "Drugstore" darf weiterleben

Der Drugstore in den 60er Jahren: Das neue Gastro-Konzept kommt gut an – und geraucht werden freilich damals auch noch. Foto: Otfried Schmidt

Die Samy-Brüder hatten eine goldene Hand im Schwabing der 60er Jahre. Ihr Drugstore lebt noch – und bleibt wohl in der Familie.

München - Wenn alles gut geht, bleibt das letzte Wahrzeichen von „Swinging Schwabing“ erhalten. Dem Drugstore am Wedekindplatz droht nun offenbar doch nicht das Schicksal der fünfzig Meter entfernten Kult-Boazn „Schwabinger Sieben“ und anderer Objekte im einstigen Künstlerviertel, die der Spekulation zum Opfer gefallen sind. Jedenfalls darf Nader Saffari damit rechnen, dass ihm die Maierbrauerei in Altomünster den Betrieb seines Vaters Jahangir „Jonny“ Saffari, der kürzlich 78-jährig an Krebs verstorben ist, per Pachtvertrag anvertrauen wird. Ganz sicher ist das freilich noch nicht. Viele Interessenten mit gutem Namen und gastronomischer Erfahrung stehen auf der Matte.

Immerhin gilt das Lokal als „die lukrativste Gastro-Location Münchens“, sagt neudeutsch und etwas übertreibend der soeben 48 Jahre alt gewordene Kameramann und Fotograf, der längst hinter der Theke steht, fleißig Betriebswirtschaft büffelt und Kurse der Industrie- und Handelskammer besucht. Wie lohnend auch immer – der Drugstore war die erste Münchner Station der Flower-Power-Welle und ist jetzt die letzte, die blieb. Und er ist das einzige sichtbare Überbleibsel vom Imperium der legendären „Samy Brothers“.

Vielleicht, sinniert der vielleicht bald kommende Wirt Nader, sollte er für diese beiden Cousins seines Vaters im Nebenraum, den der alte Jonny Saffari noch als wechselnde Kunstgalerie eingerichtet hatte, ein kleines Museum einrichten.

 

Der Laden wird bald zur Top-Adresse

Am 3. Juni 1967 war das originelle Ecklokal anstelle des Hacklwirts eröffnet worden, mit einem Straßenfest samt „Gammlerwaschung“. Gammler hießen damals die etwas nachlässig gekleideten jungen Leute, Hippies, die sich nach kalifornischem Vorbild fröhlich bunt gewandeten. Der neue Laden wurde, vom Münchner PR-King Max Zeitler optimal vermarktet, sehr bald zur Schwabinger Top-Adresse, nicht nur für die Blumenkinder der Pop-Generation.

Täglich drängten bis zu 2000 Leute rein, die Mädchen in den kürzesten Miniröcken Münchens, die Boys schon mal mit knall-farbigen Hosen und giftgrün gefärbtem Langhaar. Brave Bürger warnten indes ihre Sprösslinge, erinnerte sie doch der Name „Drugstore“ stark an Drogen.

Auch rote Kommunarden samt Maskottchen Uschi Obermaier und der spätere Bandenchef Andreas Baader wurden hier heimisch, und bald stellte sich sogar internationale Prominenz ein: Adamo, Mick Jagger, Liza Minnelli, Romy Schneider, Udo Jürgens. Beinahe wie auf der Kingsroad im „Swinging London“ ging es nun zu im Herzen von Altschwabing, genau dort, wo fünf Jahre zuvor wegen „lärmender“ Gitarren und prügelnder Polizisten die Krawall-Nächte ausgebrochen waren.

 

Der Kiosk im Treppenhaus hat bis zum Morgen geöffnet

Der neue Stil gefiel: glänzendes Messing, spiegelndes Glas, edles Holz, rotes Sitzleder, goldene Leuchter, bisserl Jugendstil-Schnörkel. Viel Pop, viele der neuartigen Poster vom nebenan gerade eingezogenen Wolfgang Roucka. Eine Kombination von jüngst modisch gewordener Disco, american Bar und orientalischem Basar. An der Wendeltreppe war – und ist heute noch – ein Kiosk bis zum frühen Morgen geöffnet. In der ersten Etage wurde getanzt. Dort bieten jetzt Heppel und Ettlich abwechslungsreiche, manchmal schön nostalgische Programme.

Aufgewachsen in Teheran – der Vater stammte aus dem Kaukasus, die Mutter aus Oldenburg – hatten die Samy-Brüder schon zuvor Fantasie und Geschäftssinn in außergewöhnliche Projekte umgesetzt. Der Vater wollte Anusch in München studieren lassen, doch der machte lieber in der Maxburg ein Teppichgeschäft auf. Außerdem erfand er das System der Mini-Cars, das bald in 34 deutschen Städten übernommen wurde. Der vier Jahre jüngere Temur investierte indessen seine Ideen in Münchens erstes Russen-Restaurant „Datscha“, für das er einen notgelandeten sowjetischen Düsenpiloten als Empfangschef anheuerte.

 

Auch die Upperclass kommt zahlreich

Mit dem Slogan „Schwabing gehört allen“ verkaufte man Anteilscheine, die Gratis-Mahlzeiten im Wert von 13 Mark garantierten. Ein tolles Geschäft. Nachdem hinreichend Gewinn erzielt war, verkauften die Brüder das Schlemmerlokal, um vom Erlös den Drugstore herzurichten. Das Geld reichte, um im selben Jahr noch ein Großkino am Elisabethplatz (heute: Schauburg) in den größten Beatschuppen der Republik zu verwandeln. Bis zu 3500 Menschen drängten sich dicht an dicht, schmusten auf den Treppen und tanzten bis zur Ekstase. In diesem „Blow up“ gab es keine Tische und Stühle, dafür gleichzeitig mehrere Superbands, wie Pink Floyd und Amon Düül sowie zwei Wände, wo ab vormittags Filme liefen. Der Bekanntheitsgrad war grenzenlos. So konnten auch Vertreter der Upperclass – beispielsweise Gunther Sachs und Johannes Prinz von Thurn und Taxis – nicht ausbleiben.

Unbeeindruckt von aufkommender Kritik an der Kommerzialisierung des alten Künstlerquartiers erweiterten die „Könige von Schwabing“ ihr Reich. „Citta 2000“ nannten sie ihr nächstes Projekt, in das sie zunächst zwei Millionen Mark investierten. Am 1. Oktober des Revoluzzer-Jahres 1968 wurde das vierstöckige, marmorweiße Atriumhaus an der Leopoldstraße 28 bezogen. Da präsentierte sich, wie der Schreiber dieser Zeilen meldete, „ein Ballungsraum des Vergnügens wie auch der ,kreativen’ Arbeit, ein Supermarkt modernster Dienstleistungen, ein kleines Stadtzentrum, ein Münchner Gegenstück zum Berliner Europacenter“. Das Interieur reichte von der Ladenstraße bis zur „Denkfabrik“. Vor dem Eingang, wo noch am U-Bahnhof Giselastraße gebuddelt wurde, postierten die kaukasischen Könige eine dreieinhalb Meter hohe Hand aus Gips mit Goldüberzug – ein unverkennbares Symbol. Schon planten die „Goldhändle“ ähnliche Anlagen in acht weiteren deutschen Städten sowie einen Buspendeldienst zwischen ihren Münchner Amüsierbetrieben.

 

Erst Höhenflug, dann Absturz

Doch dann passierte es: Anusch Samy, erst 35 Jahre alt, stürzte im Sommer 1970 bei einem Privatflug in St. Moritz tödlich ab. Der jüngere Bruder stand vor einem Berg von Schulden, man sprach von sechs Millionen Mark. Allzu viele Kreditgeber und Kleinanleger wollten allzu schnell ihr Geld zurückhaben. Temur verkaufte alles, was noch greifbar war. Und es geschah, was Blasius der Spaziergänger 1969 in der Abendzeitung befürchtet hatte: Die Samy Brothers hätten „Schwabing ein neues, steinernes Herz eingepflanzt, hoffentlich aber muss nicht eines Tages der böse Onkel Konkursverwalter einen Infarkt feststellen, weil es gar zu schnell geschlagen hat“.

Und so blieb Utopie, was Anusch der Ältere dem Autor dieses Nachrufs im November 1967 an seinem Stehpult in der Leopoldstraße angekündigt hatte: „Ich werde zunächst in dieser Stadt 20 Restaurants verschiedenen Stils und zur Abrundung ein Luxushotel eröffnen.“ Auf der Isar, an der Widenmayerstraße, wollte er ein Restaurant-Schiff verankern, das nur Meerestiere wie Hummer und Austern servieren sollte; ein abgewracktes Showboat hatte er schon in Paris gekauft. Im Englischen Garten wollte er auf eigene Kosten den Chinesischen Turm abreißen, um ihn originalgetreu als größtes China-Restaurant Europas wiederaufzubauen. In einem Japanischen Bad sollten echte Geishas massieren und Tee servieren. Und schließlich dachte Anusch noch an eine Art TÜV für Menschen.

 

Der Bruder ging in eine Kommune

Von einer solch schönen neuen Welt konnte sein so plötzlich verarmter Bruder Temur nicht mehr träumen. Ihm blieben nur noch der Offenbarungseid und der Rückzug in eine sektiererische Kommune nahe der Tivolibrücke, wo er und seine letzten Anhänger sich in weiße Gewänder hüllten, den Weltfrieden predigten und, wie eine Aussteigerin später verriet, allerlei selbstgebraute Drinks und Drogen genossen.

Eines Tages verschwand dieser an die südspanische Küste, wo eigentlich auf zehn Quadratkilometern mit Hilfe der Weltbank für 100 Millionen Mark ein „Samyland“ für Urlauber hätte entwickelt werden sollen. Ein Reporter spürte ihn dort auf: 1997 in Gemeinschaft allein mit 50 Katzen und einer dürren Mähre, gekleidet wie ein alter Revoluzzer. Wie der Ritter von der traurigen Gestalt beklagte der gewesene König von Schwabing sein Leid: „Ich habe alles verloren, Geschäftsglück, die große Liebe und meine Ideale.“

Im Jahr 2004 ist auch Temur Samy gestorben. Seine und seines Bruders märchenhafte Geschichte – eine Mischung aus Hans im Glück und Don Quichotte - wäre gewiss einen Platz in einem Schwabinger Schauraum wert.

Über die Samy-Brüder berichtet Karl Stankiewitz in seinen Büchern „München – Stadt der Träume“ (Verlag Schiermeier) und „München ‘68“ (Volk Verlag).

 

3 Kommentare