Kroatien Zagreb: Flanieren auf kroatisch

Zagreb - „Du siehst aus wie eine Kuh am St. Georgstag.“ Mit solchem Spott wird bedacht, wer in Kroatien vor dem Flanieren zu viel Schminke aufgetragen hat. Doch in der Regel setzen sich hier die Frauen mit dezenteren Mitteln in Szene. Gekonnt und stilsicher. Gleiches gilt für ihre männlichen Landsleute. Kein Wunder. Haben doch einst ihre Vorfahren die nach ihnen benannte Krawatte erfunden.

In den von der langen venezianischen Herrschaft geprägten Städten an der Küste heißt das Flanieren ganz in italienischer Tradition Corso. Doch promeniert wird nicht nur am Hafenkai und an den Gestaden der kristallklaren Adria. Auch im Hinterland zeigt sich der Kroate gern auf der Straße.

In Varaždin, nahe der ungarischen Grenze, ist dem Flanieren sogar ein zehntägiges Festival gewidmet. Jedes Jahr treffen sich dort Ende August beim Špancirfest 1000 Straßenkünstler und Musiker, um die 100 000 Besucher zu unterhalten. Ob sich das aus der Habsburger Zeit überlieferte Spazieren allein durch den reichlichen Genuss des heimischen Weins mit der Zeit zu Španciren abgeschliffen hat, weiß niemand. Jedenfalls schlendern bei diesem Fest alle ungezwungen und gut gelaunt durch die Gassen.

Eine Freilichtbühne der Eitelkeit

Auf die Spitze wird das Flanieren natürlich in der Hauptstadt Zagreb getrieben. Genauer auf die Špica. Im Sommer verwandeln sich jeden Samstag zwischen 11 und 14 Uhr in der Altstadt der Marktplatz, der Blumenmarkt und die umliegenden Gassen in eine Freilichtbühne der Eitelkeit. Man zeigt sich, man trifft sich, man gehört dazu. Die Krawatte als Statussymbol ist längst von iPhone und Porsche-Schlüssel abgelöst.

Bis etwa 1850 war Zagreb streng geteilt in zwei Siedlungen. Auf dem einen Hügel, dem Kaptol, thronte die Geistlichkeit, gegenüber auf dem Gradec lebten und arbeiteten die Handwerker. Eine Verbindung wurde erst hergestellt, als im trennenden Tal der Bach durch Mühlen und Papiermanufakturen so verschmutzt war, dass er zugeschüttet wurde und sich dort Kneipen und Bordelle ansiedelten. Die Tkalciceva, die als Straße den früheren Bachlauf nachzeichnet, ist noch heute ein quirliger Treffpunkt, in dem rund um Kneipen und Restaurants das Leben bis tief in die Nacht brodelt.

Etwa 150 Kilometer südwestlich von Zagreb brodelt es auch und immer noch. Das ist der Tatsache zu verdanken, dass der Physiker und Erfinder Nikola Tesla, auf den Kroatien so stolz ist, 1892 im Zagreber Rathaus mit seinem Vorschlag, die Energie der Plitvicer Seen zur Stromerzeugung zu nutzen, ohne Erfolg blieb. Deshalb stürzt das glasklare Wasser der Plitvicer Seen auch heute noch ungehindert in Kaskaden herab und schimmert türkis im Sonnenlicht. Genau dieses Bild einer wilden Naturlandschaft hat sich in das kollektive Gedächtnis der heute 50- bis 60-Jährigen eingebrannt als Ort des ganz großen Abenteuers. Entscheidende Szenen der Karl-May-Filme vom „Schatz im Silbersee“ und von „Winnetou“ wurden 1962 und in den Folgejahren hier gedreht. Kein Wunder, dass die Besucher des Nationalparks Plitvice in Kroatien heute Führungen auf den Spuren des edlen Indianers buchen können.

Besucherzahl kurz vor Millionengrenze

Doch Zeljka, unsere Führerin, holt uns aus der filmischen Traumwelt gleich auf den Boden zurück. Wir sollten uns die Szene, in der am Kaluderovac, dem vorletzten der 16 Plitvicer Seen, Winnetou ins Wasser reitet, bei Gelegenheit wieder mal anschauen. „Für einen ganz kurzen Moment ist da am Gegenhang im Wald ein Autobus zu erkennen“, behauptet Zeljka.
Ein halbes Jahrhundert nach den Filmaufnahmen zum „Schatz im Silbersee“ ist dort oben trotz inzwischen dichter gewachsenem Wald reger Busverkehr zu beobachten. Kein Wunder. Die Besucherzahl in Plitvice strebt mit 960 000 Touristen pro Jahr auf die Millionengrenze zu. In der Hochsaison kommen an manchen Tagen über 15 000, die sich mit Bussen und Booten durch den Park bewegen. Das Gedränge auf den engen Knüppelpfaden hat mit Spazierengehen oder gar mit Flanieren wenig zu tun.

Auch mit einer anderen Illusion räumt Zeljka auf. Sicher gäbe es im Park über 25 Felshöhlen, die Szene mit dem Schatz im Silbersee sei aber in Postojna, den Tropfsteinhöhlen im heutigen Slowenien, gedreht worden. Fast schwingt ein bisschen Neid mit auf den unmittelbaren Nachbarn im Norden, mit dem man früher brüderlich im Staat Jugoslawien vereinigt war. Slowenien ist seit 2004 EU-Mitglied, Kroatien ist nach schwierigen Verhandlungen und Problemen mit der Auslieferung von Kriegsverbrechern erst Mitte 2013 an der Reihe.

Trotz der Besuchermassen ist Plitvice ein Naturparadies geblieben. In einem seit 300 Jahren nicht bewirtschafteten Wald leben Wölfe und über 20 Braunbären. In diesen ewigen Jagdgründen wird nicht geschossen. Im kristallklaren Wasser tummeln sich die Fische. Gefüttert werden dürfen die Tiere nicht – auch nicht gestört. Doch es gibt Ausnahmen. Kopfschüttelnd erzählt Zeljka vom Besuch eines russischen Oligarchen, der trotz Verbot in den Silbersee sprang, lächelnd 500 Euro Strafe zahlte und – weil es so günstig ist – gleich noch mal hüpfte.

Für jeden Geschmack gibt es genügend Attraktionen

Mit Wasser verknüpft der Kroatien-Urlauber in der Regel die Adria. Die Küstenlinie mit ihren über 1200 vorgelagerten Inseln, von denen nur 50 dauerhaft bewohnt sind, ist mehr als 6000 Kilometer lang. Auch wenn es entlang der Kalkfelsküste kaum Sandstrände gibt, finden sich für jeden Geschmack genügend Attraktionen. Wer es ruhig will, wandert auf dem Franz-Josef-Küstenweg bei Opatija, das Gegenteil bietet auf der Insel Pag die Strandpartymeile von Zrce bei Novalja, auf der die Discos rund um die Uhr dröhnen.

Ebenfalls rund um die Uhr wird in der Küstenstadt Zadar Musik gemacht. Hier legt kein DJ auf, hier greift das Meer höchstselbst in die Tasten. Auf einer Länge von 60 Metern spielt seit 2005 Tag und Nacht die Meeresorgel. Unter der Uferpromenade wurden nach den Plänen des Architekten Nikola Bašic 35 Rohre unterschiedlicher Länge eingebaut, in denen der Wellenschlag durch Druckveränderung Töne erzeugt. Der entspannenden Wirkung dieser mystischen Töne des Naturorchesters kann sich niemand entziehen.

Begleitet von den maritimen Orgeltönen steuert Kapitän Šime das Ausflugsboot von Zadar hinaus auf die Adria. Populäres Sangesgut aus Italien und Spanien schmalzt aus den Lautsprechern, bald schon klebt das Deck von verschüttetem Slibowitz und Rotwein, was nicht am Seegang liegt. Ziel sind die Kornaten, ein Meeresgebiet mit 150 unbewohnten Inseln, das seit 1980 Naturschutzgebiet und heute ein Seglerparadies ist. Am Bug des Ausflugsboots steht Mirna. Ihr langes braunes Haar flattert im Wind. Als ein paar Delfine auftauchen, umspielt ein entspanntes Lächeln ihre Lippen. „Fjaka“, sagt sie und meint damit keine habsburgische Kutschenfahrt. „Fjaka“, sagt Mirna und wirkt ganz entrückt, „das ist das kroatische Nirwana.“

 

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