Kritik zum Krimi im Ersten Stuttgart-"Tatort: Du allein" stellt Fragen, auf die es keine Antworten gibt

"Tatort - Du allein": Letzter Einsatz von Carolina Vera Carolina Vera als Staatsanwältin "Emilia Álvarez" im Polizeipräsidium mit Richy Müller als Hauptkommissar "Thorsten Lannert" und Felix Klare als Hauptkommissar "Sebastian Bootz". Foto: SWR/Johannes Krieg

Der Zuschauer schaut mit durchs Zielfernrohr, als sich die Täterin ihr Opfer sucht: Im Fadenkreuz ist zunächst ein Junge, dann ein Mann, schließlich eine Frau mittleren Alters. Dann der Schuss: Die Frau bricht in sich zusammen, wird scheinbar willkürlich aus dem Leben gerissen.

 

Achtung, Spoiler! Diese TV-Kritik gibt mehr oder weniger konkrete Hinweise auf die Handlung des Stuttgarter "Tatort: Du allein". Wenn Sie nichts verraten bekommen wollen, warten Sie mit der Lektüre des Textes, bis Sie den Film gesehen haben (Das Erste, 24.05.2020, 20.15 - 21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek).


Als es nach drei Minuten im "Tatort: Du allein" knallt, ist der Zuschauer hellwach – und gemeinsam mit den Kommissaren Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) auf der falschen Fährte.

Zu Beginn suchen sie eine Erpresserin (Katja Bürkle): Die droht in Stuttgart weiter wahllos Menschen zu erschießen, bis sie drei Millionen Euro erhalten hat. Doch nach dem zweiten Mord durchschauen Lannert und Bootz die ausgeklügelte Finte. Die Killerin, so finden erst die Zuschauer und schließlich die Kommissare heraus, tötet nicht ziellos. Sie ist auf einem Rachefeldzug, will die vier Menschen erschießen, die achtlos an ihrem Geliebten vorbeigingen, als der nach einem Herzinfarkt sterbend vor einem Bankautomaten lag.

Stuttgarter "Tatort" wirft moralische Fragen auf

"Du allein" beginnt als rasanter Thriller samt nervöser Lösegeldübergabe und verwandelt sich dann in einen Mix aus klassischem Ermittler-"Tatort" und Drama. Der Zuschauer nimmt aber keinen Bruch wahr, dank des clever konstruierten Drehbuchs von Wolfgang Stauch und der gelungenen Regie von Friederike Jehn. Ihr schnörkelloser "Tatort" unterhält ohne jeden Hänger. Und ganz nebenbei wirft der Film moralische Fragen auf, ganz knapp und unprätentiös.

Was geht vor, das Wohl der Gesellschaft oder der Familie?

So steht etwa Kommissar Bootz am Anfang vor einem Dilemma: Soll er seine Ex-Frau Julia (Maja Schöne) bitten, mit den gemeinsamen Kindern vor der vermeintlichen Zufallskillerin aufs Land zu flüchten? Das Problem: Würde Julia ihre drei besten Freundinnen warnen, und die wiederum ihre drei besten Freundinnen und so weiter, gäbe es in Stuttgart recht schnell eine Massenpanik, doziert sein Kollege Lannert schlüssig. Aber was ist die Lösung? Was geht vor, das Wohl der Gesellschaft oder der Familie? Soll Bootz riskieren, dass die eigenen Kinder ins Fadenkreuz geraten?

Ebenso klug-uneindeutig ist der Schlüsselmoment des Films, eine Szene im Rückblick: Da liegt der Geliebte der Killerin sterbend vor dem Bankautomaten. Doch eine Bierflasche neben ihm reicht, um die Szenerie völlig anders wirken zu lassen: Die Passanten halten ihn für einen betrunkenen Penner und kümmern sich nicht weiter um ihn. Als Zuschauer ist man entsetzt und fragt doch zugleich: Könnte einem diese Fehleinschätzung nicht auch unterlaufen? Und wenn man den Gedanken zu Ende führt: Müsste man dann nicht auch schlafende Obdachlose sicherheitshalber wecken, wie es Bootz später im Film macht? Dieser "Tatort" stellt ganz beiläufig kluge Fragen, auf die es keine richtigen Antworten gibt.

 

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