Kritik zum Krimi im Ersten München-"Tatort: Lass den Mond am Himmel stehn": Gefühle wie ein trüber Sonntag

Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) begutachten den Fundort von Emils Fahrrad. Foto: BR/Bavaria Fiction GmbH/Hendrik Heiden

Der neue Münchner "Tatort: Lass den Mond am Himmel stehn" schafft eine unbehagliche Atmosphäre durch gefühlskalte Protagonisten und kaputte Familienverhältnisse.

 

Achtung, Spoiler! Diese TV-Kritik gibt mehr oder weniger konkrete Hinweise auf die Handlung und das Ende des Münchner "Tatort: Lass den Mond am Himmel stehn". Wenn Sie nichts verraten bekommen wollen, warten Sie mit der Lektüre des Textes, bis Sie den Film gesehen haben (Das Erste, 07.06.2020, 20.15 - 21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek).


Nach diesem "Tatort" aus München fühlt man sich wie an einem regnerischen Sonntag – man liegt im Bett und ist nicht direkt schlecht drauf, aber man will auch auf keinen Fall aufstehen. Der neue Fall von Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) bleibt nicht wegen der Geschichte im Kopf – die ist eher schleppend –, sondern wegen dieser beklemmenden Atmosphäre. Die ist gelungen und wirkt nach!

Und natürlich bleibt die Frage, wie man eigentlich ein Eidechsen-Problem haben kann.

Münchner "Tatort": Ein 13-Jähriger treibt tot in der Isar

Der Fall: Emil (13) ist am Morgen plötzlich verschwunden. In der Mutter steigt unverzüglich Unruhe auf, etwa weil ihr Außenseiter-Sohn sein Sportzeug vergessen hat. Der Stiefvater fällt mit hirnlosen Kommentaren auf: "Turnt er halt in Unterhosen". Daraus wird nichts, denn Emil treibt tot in der Isar. Es war ein Verbrechen, das ist schnell klar. Dann aber kommt lange nichts mehr, was eine Lösung oder ein Tatverdächtiger werden könnte. Dafür düstere Aufnahmen, leere Blicke. Ungesagtes und nicht Sagbares.

Die Kommissare widmen sich dem ominösen Sex-Parkplatz in Germering, wo Einzelgänger Emil als stiller Beobachter gewesen und gefilmt haben soll. Die Pointe: Sein Stiefvater trifft heimlich die Schwester (18) seines besten Spezls Basti (13). Emil selbst war ebenso in Hannah verliebt (ein Palindrom: "von hinten wie von vorn" – ein abgedroschener Spruch, der wahrlich nicht zum Film passt).

Und wer bekommt die Strafe?

Das Regen-am-Sonntag-Gefühl wird zunehmend zu einem anhaltenden Tief. Auch die Kommissare wirken streckenweise so, als würden sie lieber nochmal eine Runde im Bett liegen. So unglaublich kaputt ist die heile Welt dieser bürgerlichen Familien. Und so gefühlskalt dieser Teenager: Als Basti angeboten wird, er dürfe sich etwas aus Emils Kinderzimmer als Erinnerung aussuchen, trägt er ernsthaft dessen Flachbildfernseher nach draußen. Starkes Bild! Wer braucht bei solchen Freunden noch Feinde. Das ist dann auch die Lösung: Der Kumpel hat Emil beim Zocken das Skateboard über den Kopf gezogen. Seine Eltern waren so freundlich und haben die Leiche entsorgt.

Diese Familie mit dem Eidechsen-Problem – die fallen laut Mutter vom Dach – sind selbst wie die Tierchen: Bei Gefahr werfen sie den Schwanz ab und entkommen. Mutter, Vater, Kind werden am Ende zwar überführt, doch der Bub ist erst 13 Jahre alt und damit nicht strafmündig. Die Eltern können ebenfalls nicht belangt werden wegen Strafvereitelung zu Gunsten eines Familienangehörigen.

Angesichts dessen möchte der Zuschauer nur eins: die Bettdecke über den Kopf ziehen.

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