Kritik zum Krimi im Ersten Göttingen-"Tatort: National feminin" - Männer als Statisten

Die rechte Influencerin Marie (Emilia Schüle) hält den linken Studenten Jonas (Zio Tristan Mundry) in letzter Sekunde von einem Farbbeutelanschlag gegen ihre Professorin ab. Muss sie deshalb sterben? Foto: NDR / Frizzi Kurkhaus

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba) ermitteln im aktuellen "Tatort" aus Göttingen im Studentenmilieu: Eine rechte Bloggerin wird in den Tod gehetzt. Die AZ-Kritik zum Krimi.

 

Achtung, Spoiler! Diese TV-Kritik gibt mehr oder weniger konkrete Hinweise auf die Handlung des Göttingen-"Tatorts: National feminin". Wenn Sie nichts verraten bekommen wollen, warten Sie mit der Lektüre des Textes, bis Sie den Film gesehen haben (Das Erste, 26.04.2020, 20.15 - 21.45 Uhr und in der ARD-Mediathek).


Grad lief's noch gut für Marie Jäger (Emilia Schüle). Jeder, wirklich jeder will etwas von der 23-jährigen Jurastudentin. Abschreiben. Ins Bett. Freunde bleiben. Freunde werden.

Der Zuschauer will vor allem wissen, warum sie sterben muss, wie sie sterben muss: Marie wird durch den Wald gehetzt, ihre Kehle von links nach rechts mit einem Einhandmesser aufgeschlitzt, Zeugen hören ihren Schrei, "vielleicht war's eine Frau, vielleicht eine Katze". Die Mordsequenz erlebt er in einer wilden subjektiven Kamerafahrt, die an "Blair Witch Project" erinnert. Schon steckt er mitten in Maries Geschichte.

Autor Florian Oeller verhandelt gleich zwei bleischwere gesellschaftliche Themen in seinem Sonntagabendkrimi: die neue Rechte und den modernen Feminismus.

Influencerin mit AfD-Tonfall

Denn Marie ist eine Influencerin der fiktiven, an die Identitären angelehnten "Jungen Bewegung". Sie lebt in einer  burschenschaftsähnlichen Haus-WG und dreht gesinnungsschwangere Selftapes für den Blog "National feminin". Durch Marie und ihre Professorin, die künftige Bundesverfassungsrichterin Sophie Behrens (Jenny Schily), wird illustriert, dass elaborierte Wortbeiträge mindestens so menschenverachtend sein können wie die platten Parolen skandierender Stiernacken in Springerstiefeln.

Ihre Tonlage klingt nach A, f und D: Paragraph 218 widerspreche dem Grundrecht auf Leben. Frauen seien überfordert von gesellschaftlichen Erwartungen, die sie in die Rollenvielfalt zwängen. Man müsse ihnen eine Wahl bieten, zuhause "Männern den Rücken zu stärken". Das Ermittlerduo Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba) schüttelt nur die Köpfe, keep calm, weitermachen.

Der Plot ist emotional dicht. Nahezu jede Beziehung eines Frauenlebens wird durchgespielt: Konkurrenz, Verbundenheit, Rivalität, Überforderung als Mutter, Verständnis als Geliebte.

Männer als Randfiguren im Göttinger "Tatort"

Für Männer bleibt da kaum dramatisches Feingefühl über: Da wären ein egomaner Professor (Stefan Bissmeier), ein täppischer Hilfskommissar, ein lakonischer Abteilungsleiter und ein linker Farbbeutelwerfer - allesamt Stützfiguren, um Theaternebel in die Ermittlungen zu blasen.

Dass die Professorin und ihre Anwalts-Ehefrau von einem moralflexiblen Generalstaatsanwalt protegiert werden: vorhersehbar. Dass es unter Maries Mitbewohnern eigenschaftslose Flachpfeifen mit rassistischen Motto-Shirts und, leider, Sprechrolle gibt: geschenkt. Dass WG-Obernazi Felix Raue (Samuel Schneider) eine Verlobte hat, die so blond wie bieder wie schwanger ist, und dass linke Studenten Hoodies und die Haare lang tragen: klischeehaft.

Man verzeiht es. "National feminin" zeigt auf intelligente Art, wie Extremisten soziale Medien nutzen, um eine neue Gruppe zu umwerben: junge Frauen. Das gelingt eindrucksvoll. Und die Verbindung von wackeligen Handy-Videos, langsamen, berührenden Einstellungen und zackig einfließenden Tweets macht diesen Tatort visuell fabelhaft.

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