Kritik zum ARD-Sonntagskrimi Stuttgart-Tatort: Eine moralische Rennstrecke

Der Stuttgarter Sonntagskrimi wagt sich an das derzeit aktuellste Thema in Deutschland: Flüchtlinge. Kommissar Lannert ist dem Schleuser Kostic auf der Spur und gerät in eine Falle. Ein spannender "Tatort", der durch seine düstere Aktualität besticht.

 

Aktueller könnte der Stuttgarter "Tatort" fast nicht sein: Was mit einer Aktion der Drogenfahndung anfängt, entpuppt sich als Krimi-Triller um Flüchtlinge und deren Schleuser. Zu einer Extra-Portion Thorsten Lannert (Richy Müller) und einem serbischen Schwaben bietet "Im gelobten Land" (Das Erste, 20:15 Uhr) am kommenden Sonntag außerdem starke Bilder, Spannung und Emotion. Der Film behandelt das Thema, das Deutschland derzeit mehr bewegt denn je und wurde von Regisseur Züli Aladag (48, "Wut") sehr düster, aber authentisch in Szene gesetzt.

Worum geht es?

Der "Tatort" beginnt mit Kommissar Lannert im Auto - in angespannter Haltung und Handschellen. Er verfolgt ein Auto. Mehrere Minuten lang fragt man sich: Warum? Wer ist dieser Mann? Wieso ist Lannert gefesselt? Allein am Anfang werden so viele Fragen aufgeworfen, dass der Zuschauer unweigerlich direkt mit einsteigt. Durch die Verfolgung landet Lannert vor einem Flüchtlingsheim, dem tristen Hauptschauplatz des Krimis. Als sich die Männer schließlich mit Waffen gegenüberstehen, springt die Handlung acht Stunden zurück.

Gemeinsam mit der Drogenfahndung wollen Lannert und sein Kollege Sebastian Bootz (Felix Klare) den mutmaßlichen Mörder und Drogenkönig Milan Kostic (Sascha Alexander Gersak) stellen, doch stattdessen finden sie 23 Flüchtlinge in einem Transporter - tot. Sie sind während der Observierung qualvoll erstickt. Lannert macht Kostic dafür verantwortlich, der als Schleuser fungiert, und nimmt die Verfolgung auf. Dabei tappt er in eine Falle und wird gemeinsam mit Flüchtling Lela (Florence Kasumba) von Kostic und dessen Schwester festgehalten. Für den Kommissar beginnt ein Nervenkrimi: Ein weiterer Transporter mit Flüchtlingen ist bereits unterwegs und nur die Schleuser wissen wohin. Sie fordern Flucht gegen den Standort.

Sehenswert?

Autor Christian Jeltsch setzt auf ein Krimi-Muster, das nicht unbedingt einer klassischen Dramaturgie folgt. Der Zuschauer wird immer wieder mit Unwissen konfrontiert. Die Rolle eines unbekannten Mannes etwa, der Lannert beobachtet, wird erst kurz vor Schluss aufgeklärt. Instinkt ist gefragt. Wichtiger als die eigenen Aufklärungstheorien ist nämlich der emotionale Blick auf die Geschichte. Lannert steht unter hohem Druck und sieht sich einer Pattsituation gegenüber. Kostic dagegen ist unberechenbar. Auf der einen Seite zeigt er Gewissen, andererseits ist er eine tickende Zeitbombe. Dieser Zustand verleiht diesem "Tatort" eine gewisse Grundspannung, die sich wie ein roter Faden durch den Krimi zieht.

Fazit: Die atmosphärische Geschichte lebt durch ihre Aktualität. Allein Kostics Aussage "Oder sie ersaufen vor Lampedusa" lässt die traurige Realitätsnähe erkennen. Auch wenn die eine oder andere Situation recht überspitzt scheint, trifft Regisseur Aladag mit seiner Umsetzung definitiv einen Nerv.

Stuttgart-Tatort: Die AZ-Kritik von Ponkie

Der Tatortkrimi aus Stuttgart „Im gelobten Land“ (Buch: Christian Jeltsch, Regie: Züri Aladag, ARD/SWR) zog sich wie eine düstere moralische Rennstrecke durch eine Drogenfahndung, bei der 23 tote Flüchtlinge, erstickt in einem Kokain-Container, auf der Strecke blieben. Sie lasten dem Kommissar Lannert (Richy Müller) schwer auf dem Gewissen, denn einen weiteren Schub von Flüchtlingen konnte er nur retten um den Preis, dass er den Standort des Containers erfuhr und dafür den Schleuser laufen lassen musste.

Die Zwickmühle zwischen Recht und Gesetz auf der einen und dem Gebot der Menschlichkeit auf der anderen Seite wird zur pompösen Gewissensentscheidung hochgetrimmt – ein Kraftakt der Beamtenredlichkeit inmitten einer geldgierigen Drogen-Mafia und einer von Korruption angefressenen Gesellschaft. Die einen kämpfen ums nackte Leben, die anderen um den größtmöglichen Gewinn.

Bitter und bösartig verkrallen sich Polizei-Ethik und Dealer-Brutalität ineinander. Der Grundsatz kapituliert vor dem Pragmatismus des Einzelfalls. Ein zutiefst pessimistischer Tatortkrimi in einer ungerechten und verkommenen Welt der Selbstbedienung und des rücksichtslosen Egoismus.

 

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