Kritik an Neubauplänen Starnberger Flügelbahnhof: Shoppingcenter mit Gleisanschluss?

Eine Fassade aus rautenförmigen Rahmen, mit Glas befüllt: So soll der neue Starnberger Flügelbahnhof an der Arnulfstraße bei Nacht einmal leuchten. Der Büro-Turm ist auf 17 Stockwerke gekürzt. Foto: Visualisierung: Auer + Weber

Die Deutsche Bahn und die Stadt München stellen den neuen Flügelbahnhof vor: Bürger schmähen ihn als "Pasing Arcaden" und "Kaufhaus".

 

München - Es geht um Gleis 28 bis 36: An den Plänen zum Starnberger Flügelbahnhof haben Architekten nachgebessert. Der neue Büro-Turm darüber ist auf 60 Meter geschrumpft. Ihn ziert jetzt eine zweigeschossige gläserne Krone mit Sky-Bar. Der Turm ist zudem von der Arnulfstraße weggerutscht, auf das siebenstöckigen gläserne Zentralgebäude des neuen Hauptbahnhofs. Darin: auch alles erleuchtet und voll mit Läden, Büros, Restaurants, Tagungsräumen.

"Wir investieren einen dreistelligen Millionenbetrag in den Starnberger Bahnhof", erklärt Iris Ludwig von der DB Station & Service AG, verantwortliche Projektleiterin für den Starnberger Flügelbahnhof. "Wir können uns vor Nachfragen kaum retten. Es ist ein großes Interesse auf dem Markt da."

Im Alten Rathaussaal haben die DB und das Bauamt die Zukunft an der Arnulfstraße für die Münchner skizziert.

Starnberger Flügelbahnhof: Abriss oder Denkmalschutz?

In einem ersten Schritt wird ab 2023 der denkmalgeschützte Starnberger Bahnhof abgerissen. Die Genehmigung dafür obliegt dem Eisenbahn-Bundesamt, das die Abwägung vornimmt: Geht der Denkmalschutz vor oder der Bau eines Bahnhofs für das 21. Jahrhundert?

Für die Pendler am viel genutzten Starnberger Bahnhof heißt das: Die Gleise bleiben – aber es werden auch nicht mehr. Als Verbesserung wird es einen neuen Zugang von der Arnulfstraße geben, barrierefrei. Dafür wird es vor den Gleisen enger, weil hier Läden einziehen. Das Kinder- und Jungendmuseum muss zunächst hinaus. Es darf sich in dem neuen Gebäude aber wieder einmieten. "Falls es sich das leisten kann", flüstert ein Zuhörer.

Für den neuen Starnberger Bahnhof – mit seiner hellen Außen-Haut mit Rauten aus weiß bedampften Glas – wird sukzessive in Phase II bis 2029 die alte Empfangshalle abgerissen – und von einem riesigen gläsernen Terminal mit Glasdach ersetzt.

Viele Münchner sind skeptisch

Emotional äußert sich ein Teil des Publikums – rund 60 Münchnerinnen und Münchner sind das an diesem Abend – bei der Fragerunde mit den Experten und auch in Gesprächen hinterher: "Das ist ja praktisch für die Bahn, die genehmigen sich den Abriss des Starnberger Bahnhofs einfach selbst", wendet ein Mann mit Brille laut ein. "Hat denn die Bahn zu viel Geld?", fragt eine Frau ungläubig, als sie die kühlen Entwürfe der Architekten Auer Weber als Visualisierung sieht.

"Braucht es das?" – das steht gravierend als grundsätzliche Frage im Raum. Denn: Viele Leute, viele Pendler hängen an ihrem Hauptbahnhof, an dem sie herzzerreißende Abschiede und freudige Ankünfte erlebt haben. Sie schmerzt der Entwurf für der "geschleckten", "nüchternen" Prestige-Bahnhof der Bahn: "Wir wollen in München kein Ufo am Rande der Altstadt haben", fasst Florian Grüning von den Altstadtfreunden die Stimmung gegen das kostspielige Mega-Projekt zusammen.

Zuerst kommt das Schwammer vor dem Bahnhof weg

450.000 Menschen passieren jeden Tag den Münchner Hauptbahnhof – ohne nennenswerte Probleme. "Klar, es gibt Drecks-Ecken", wissen die Bürger. Die Deutsche Bahn will jetzt "Leistungsfähigkeit", "Attraktivität" und "Aufenthaltsqualität" steigern: "Hier soll rund um die Uhr Leben sein, Gastro und Einkaufsmöglichkeiten auch am Wochenende", sagt Architekt Martin Klemp.

Als erster Hieb am Hauptbahnhof wird das Schwammerl am Vorplatz abgerissen – schon im Frühjahr 2019. "Traurig! Ein Wahrzeichen Münchens soll weichen! Ich glaube es nicht", klagt Altstadtfreund Florian Grüning.

Die Fundamente des geliebten geschwungenen Dachs sind laut Deutsche Bahn AG den weiteren Bohrungen für die zweite S-Bahn-Stammstrecke im Weg.

Lesen Sie hier den AZ-Kommentar von AZ-Vizechefredakteur Thomas Müller zum Thema


Neuer Hauptbahnhof: Das sagen die Kritiker

Florian Grüning (43) vom Verein Altstadtfreunde München: "Für den Münchner wird der neue Bahnhof kein Gewinn – für die Bahn schon! Sie kann Büros, Läden und Tagungsräume vermieten. Nur deswegen soll der wunderschöne Starnberger Bahnhof abgerissen werden. Vor den Gleisen wollen die Architekten Platz für Läden opfern. Pendler kommen dann aus der Bahn und laufen gegen eine Wand aus Geschäften. Das wird ein Chaos! Die Fassade finde ich optisch den Horror: Der Entwurf erinnert mich an die Pasing Arcaden. Was für eine riesige Glas-Blech-Büchse! Hoffentlich gehen die Leute auf die Straße."

Innenarchitektin Elke Wendrich (48) aus Neuhausen, Mitglied des Denkmalnetzes: "Die Bahn hat den Hauptbahnhof über 20 Jahre verlottern lassen, aber sie kann ihn auch leicht wieder aufmöbeln. Ich bin gegen den gläsernen Neubau und für unseren Münchner Bahnhof aus den 50er Jahren. Das ist ein voll funktionierender großer Bahnhof! Außerdem ein total schöner Entwurf. Wenn die Bahn argumentiert, sie möchte eine große, leere Eingangshalle, dann soll sie Monitore und Werbeplakate abbauen. Den Neubau halte ich für zu monströs. Es fehlt jede Maßstäblichkeit!"

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