Krimi aus Schweden Niklas Natt och Dag über seinen Roman "1794"

Alter schwedischer Adel: Der Schriftsteller Niklas Natt och Dag. Foto: Thron Ullberg

Niklas Natt och Dag veröffentlicht mit "1794" die Fortsetzung seines Bestsellers "1793" über Verbrechen und Gewalt in Stockholm

 

Der einarmige Ermittler Jean Michael Cardell gehört sicherlich zu den ungewöhnlichsten Typen, der den Krimifans derzeit die Zeit vertreibt. In "1794", dem neuen Roman von Niklas Natt och Dag (Deutsch: "Nacht und Tag") muss er den grausamen Mord an einer Braut aufklären, die nur angeblich in der Hochzeitsnacht einem Rudel Wölfe zum Opfer fiel. Die Ermittlung ist wie schon beim Vorgänger eine Reise in die Abgründe der schwedischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert.

AZ: Herr Natt och Dag, leben Sie gedanklich eigentlich im 21. oder im 18. Jahrhundert?
NIKLAS NATT OCH DAG: Ich bin ein Vielleser, und ich hatte auch ein bisschen Angst, dass ich vor lauter Recherchen zum 18. Jahrhundert keine Zeit mehr hätte, Literatur zu lesen. Ich meine, wenn man lernen will, wie man Romane schreibt, muss man vor allem Romane lesen. Ich habe nie Literatur studiert, und meine große Herausforderung ist es noch immer, die großen Klassiker zu lesen.

Für Ihre Stockholm-Romane haben Sie wohl Dante gelesen?
Das denkt man vielleicht, aber den habe ich mit 13 Jahren gelesen, weil ich dachte, das ist ja cool mit der Hölle. Mein größerer Einfluss für dieses Buch ist William Faulkner, den ich zum ersten Mal gelesen habe. Ich bin ein großer Fan von Cormac McCarthy, jetzt weiß ich endlich, wo auch er gestohlen hat. In "Schall und Wahn" lässt Faulkner quasi die wichtigste Szene des Buches aus. Und ich dachte, wow, das ist gut. So muss sich jeder Leser diese Stelle selber rekonstruieren und taucht auf diese Weise noch viel tiefer in den Roman ein.

In Barcelona kann man auf den Spuren von Carlos Ruiz Zafóns "Schatten des Windes" durchs Barrio Gótico laufen. Gibt es Ähnliches zu Ihrem Roman in Stockholm?
Als das erste Buch herauskam, wollte mich mein Verleger überreden, so etwas mit Journalisten in Stockholm zu machen. Es war zwar nie mein Wunschtraum, Stadtführer zu werden, aber ich sagte natürlich: "Ok, gute Idee." Ich habe mich dann fit gemacht, die Geschichte einzelner Gebäude gelernt – und dann stellte sich heraus, dass niemand teilnehmen wollte. Das war allerdings auch noch vor dem Erfolg.

Waren Sie eigentlich auf so einen Erfolg vorbereitet?
Ich war perfekt vorbereitet für einen Misserfolg. Ich habe ja selbst als Journalist mit vielen Autoren Interviews gemacht oder Autobiografien gelesen. Man kennt das ja: Man wacht auf, das erste Buch ist raus, man denkt, nun verändert sich die ganze Welt – und dann passiert nichts. Ich habe meinen Freund Fredrik Backman, der ja bereits mit "Ein Mann namens Ove" einen Riesenerfolg hatte, gefragt, was ich denn finanziell erwarten könnte. Er sagte: "Wenn Du 3000 Hardcover und 20 000 Taschenbücher verkaufst, ist das großartig. Dann klopft Dir Dein Verleger auf die Schulter und sagt: Gut gemacht, Du kannst gerne ein zweites Buch schreiben.’ Vielleicht kannst Du 20 000 Euro einspielen." Ich dachte, super, so kann ich ein paar Monate konzentriert am nächsten Buch arbeiten.

Es kam dann ganz anders.
Nicht sofort. Das Buch erschien, mein Lebenstraum war erfüllt. Ich hätte auch dafür bezahlt, ein Buch mit meinem Namen im Schaufenster zu sehen. Aber wochenlang geschah nichts, das Buch war schon halb versunken, da erhielt ich eines Samstagsabends einen Anruf: Ein Mann stellte sich als Mitglied der Akademie der schwedischen Krimischreiber vor und sagte mir, er habe die Ehre, mir mitzuteilen, dass ich den Debütantenpreis erhalten werde. Ich war überrascht, denn ich hatte doch gar keinen Krimi geschrieben, sondern einen richtigen Roman. Der Preis war der Start, dann gab es noch einen Professor für Kriminalistik, ein bekannter Mann in Schweden, der das Buch im Fernsehen empfahl. Und dann ging der Boom los. Ich habe über 350  000 Exemplare in Schweden verkauft, das Buch erscheint in 35 Ländern. Aber es ist eine Lotterie: Wäre die Akademie nicht gewesen oder die TV-Empfehlung, wäre wohl überhaupt nichts passiert.

Manche meinen, Ihr adeliger Name wäre auch eine Hilfe gewesen.
Ich habe eine Kritik gelesen, in der stand, dass mein Buch fürchterlich sei und sicherlich nicht veröffentlicht worden wäre, wenn der Autor Niklas Swansson geheißen hätte. Aber es gibt keine Verschwörung der Adeligen auf dem schwedischen Buchmarkt, mein Familienname sagt den meisten nichts. Klar, ich habe auch schon Dinge gehört wie: "Ihre Familie hat doch im 15. Jahrhundert diesen Axtmörder umgebracht!" Aber wenn ich zum Postamt gehe und meinen Personalausweis zeigen muss, um ein Paket abzuholen, sagt meist jemand: "Natt och Dag? Was ist denn das für ein Name? Haben Sie sich den selbst ausgedacht?"

Wie hat der Erfolg Ihr Leben verändert?
Ganz einfach, ich arbeite nicht mehr als Journalist. Aber ich war auch vorher ein Freelancer mit einem kleinen Büro, was ich mir mit Fredrick Backman teile, schon bevor er bekannt wurde. Ich hatte also nicht diesen heroischen Moment, wo ich zu meinem Chef gehen konnte und ihm sage: "Ich bin raus!"

Beflügelt der Erfolg den Schreibprozess?
Nein, ich hatte gleich meine Krise als ich mit dem zweiten Buch begann. Ich schrieb wieder über Stockholm und dachte: "Mist das habe ich schon mal geschrieben und vor allem: besser." Ich habe das Gefühl, eine Serie zu schreiben ist ähnlich, wie ein Hemd zu waschen. Man sieht allmählich, wie die Farben verbleichen. Jedes Buch wird dann ein kleines bisschen schlechter, bis irgendwann alle das Interesse verloren haben. Ich schreibe daher keine Serie: Es wird ein drittes Buch geben, und das ist dann definitiv der Schlussstein. Das ist für mich befreiend und beängstigend zugleich. Denn ich habe noch überhaupt keine Idee, was ich danach machen soll.

Das Buch beginnt mit dem kolonialen Abenteuer Schwedens auf Saint-Barthélemy, einer Insel der Kleinen Antillen, und beschreibt den Sklavenhandel.
Sie wissen doch, Schweden ist eine humanitäre Supermacht, wir sind nett zu jedem! Dieses dunkle Kapitel ist zwar inzwischen fast wieder vergessen, aber ich bin nicht derjenige, der es enthüllt hat. In den 50er Jahren gab es die ersten Geschichten darüber. Davor scheint jeder, der auf Dokumente darüber gestoßen ist, die wieder zurückgelegt zu haben, das ganze war wohl zu schmutzig. Das Sklavengeschäft war natürlich auch 1794 schon kontrovers diskutiert, fand aber auf der Insel statt. Aber ein vom schwedischen König unterzeichnetes Dokument über den Sklavenhandel hat man bis heute nicht gefunden, auch nicht den Nachweis über ein schwedisches Sklavenschiff, das der Krone gehört hätte. Das Geschäft war wohl eher privatwirtschaftlich organisiert, brachte der Krone aber viel Geld ein.

Wir als Leser lernen dort Tycho Ceton kennen, dem wir dann zurück nach Stockholm folgen. Sie haben ihn als das absolut Böse kreiert.
Er ist so ein Typ des absoluten Bösen, wie ich ihn als Leser immer gehasst habe, weil es so etwas nicht gibt. Aber er ist nun mal hier im zweiten Teil, und ich kann die Motivation für sein Verhalten noch nicht erzählen, weil dies ein wichtiges Element im dritten Teil sein wird. Erst dort kann ich dann die Tiefe seines Charakters ausloten.

Der Roman spielt in politisch schwierigen Zeiten, die napoleonischen Kriege beginnen, in Schweden herrscht das Regime Reuterholm, weil der spätere Gustav IV. Adolf noch unmündig ist. Das hört man nur als ein sehr fernes Echo.
Ich habe mich dafür entschieden, die Geschichte über die Personen am untersten Rand der Gesellschaft zu erzählen. Um die Politik ins Spiel zu bringen, hätte ich ein ganz anderes Milieu erzählen müssen, das wollte ich aber nicht. Zudem ist es auch schwierig, die politischen Umstände zu dramatisieren, das könnte schnell ganz langweilig werden.

Ist Ihr Bild der städtischen Gesellschaft voller Grausamkeit und Gewalt realistisch oder übertrieben?
Es gab diese Kritik, aber ich habe wirklich viel recherchiert und mich manchmal nicht einmal getraut, zu schreiben, wie grausam es wirklich war. Ich habe zum Beispiel die Geschichte des Irrenhauses recherchiert und bin dann auf die damaligen Behandlungsmethoden gestoßen. Da gab es Versuche mit der menschlichen Zentrifuge. Das hätte mir niemand geglaubt.

Wo ist das Licht im Buch, immerhin spielt die Geschichte im Zeitalter der Aufklärung?
Ich gebe zu, da ist nicht viel. Jean Michael Cardell versucht, das Gute zu verkörpern und scheitert dabei. Aber es liegt auch in der Struktur einer Trilogie, dass wir beim Ende von Teil zwei am tiefsten Punkt angelangt sind. Der Leser weiß jetzt, dass er es mit einem psychopathischen Autor zu tun hat, der jederzeit in der Lage ist, die von ihm geschaffenen Charaktere zu töten. Das vermisse ich manchmal bei Literatur. Ich meine, ich mochte Harry Potter sehr, aber ich war mir von Anfang an sicher, dass er nie sterben wird, Frodo auch nicht. Aber ich kann Sie beruhigen: Im dritten Teil wird es wieder etwas heller.  

Niklas Natt och Dag: "1794" (Piper, 560 Seiten, 16,99 Euro)


 
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