Kreuzfahrt Kroatien - Vital auf See

Blutdruck 120 zu 80. „Bilderbuchwerte“, sagt Doktor Rolland Ballier und schaut in die ob des Lobs strahlenden Augen seines Probanden. „Was machst du dann hier?“ Es geht wenig förmlich zu, wenn eine gemischte Truppe über das Mittelmeer schippert. Bei der Vitalkreuzfahrt auf der „Andela Lora“ durch die Kvarner Bucht sprechen sich alle mit dem Vornamen an. Vom Kapitän über die Kombüsen-Crew bis hin zu Reiseleiter Sascha Wiese. Der lässt wenig Zweifel aufkommen, warum die Seefahrer im Alter von Ende 20 bis 60 plus auf dem Stahlschiff der De-luxe-Kategorie für acht Tage eingecheckt haben. Jedenfalls nicht nur, um im Liegestuhl zu faulenzen.

Hart, aber herzlich bittet der 41-Jährige an die Ruder. Was in diesem Fall aufsitzen auf Trekking-Räder bedeutet. Wer mag, lässt sich von einem Elektromotor unterstützen. Da die „Bilderbuchwerte“ dem Selbstbewusstsein einen enormen Schub verliehen haben, wird dieser Hilfsantrieb leichtsinnig verweigert. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Zwar nicht vom Drahtesel, aber schmerzende Oberschenkel nach der ersten - wie Sascha nicht müde wird zu betonen - gemütlichen Tour über 20 Kilometer auf der Insel Krk sind genug Strafe für Überheblichkeit. Die gemeinsame Aktivität verbindet. Gemeinsames Leiden umso mehr. Dennoch entsteht kein Gruppenzwang. Jeder fährt sein eigenes Tempo.

Zu hören ist: nichts

Manchen packt der Ehrgeiz, andere lassen sich bewusst zurückfallen, um die Aussichten zu genießen. Oder das Alleinsein. Oder die Stille. Oder alles zusammen. Besonders bewusst macht das die Tour auf der Insel Otok. Vom Ort Sali aus schlängelt sich die Route bis nach Božava. Zu hören ist: nichts. Außer dem Wind, der über die spärlich bewachsenen Ebenen pfeift. Was so sehr nach Klischee klingt, stimmt: Er pustet den Kopf frei. Weit weg sind Alltag und Zivilisation. Das Meer blitzt blau zwischen ein paar Felsen hervor. Kurze Foto- und Trinkpause. Die Aussicht auf einen Aperitif an Deck mobilisiert die letzten Kraftreserven.

„Alkohol in Maßen ist erlaubt“, erteilt auch Doktor Ballier den genussfreudigen unter den Vitalreisenden die Absolution. Balliers Vorträge zu Themen wie „Sind wir Sklaven unserer Gene“ oder „Der Mensch ist, was er isst“ sind Kann-, keine Muss-Veranstaltungen. Meist finden diese im Freiluftklassenzimmer statt - Sonne im Gesicht, Meeresrauschen im Ohr. Nicht die schlechteste Art, Wissen aufzusaugen . Einfach mal nichts zu denken und sich fallen lassen - in die massierenden Hände von Zita Haag geht freilich auch. Kerstin Hammel schlendert mit einem Handtuch an den interessiert Lauschenden vorbei. Sie ist auf dem Weg zur Masseurin unter Deck. Wirbeltherapie nach Dorn, klassische oder Fußreflexzonenmassage - Kerstin hat die Qual der Wahl. Sie scheint richtig entschieden zu haben, denn rund eine halbe Stunde später sitzt sie entspannt neben ihrem Partner Thomas Bauer und nippt an einem Glas Weißwein.

„Ich hab den Frühsport auf dem Oberdeck bei Zita schon klasse gefunden“, sagt Kerstin, die sich für die Dehn- und Aufwärmübungen in der Morgensonne gerne zeitig aus der kuscheligen Koje schält. Anschließend schmeckt das Frühstück mit Rührei, Speck, Obst und Gemüse doppelt so gut. Vom Essen ist das Paar aus dem rheinland-pfälzischen Freinsheim begeistert. Hatten sie doch anfangs „etwas Muffe“, dass die kalorienreduzierte Kost bei den Ausflügen mit dem Fahrrad etwas zu dürftig ausfallen könnte. „Die Idee zur Vitalkreuzfahrt ist noch neu“, erklärt Sascha Wiese. Sie setzt sich zusammen aus einer Kombination aus Entspannen an Deck, Bewegung an Land, kulturellen Rundgängen plus Vorträgen und Gesundheits-Check-up. Die Küche werde noch optimiert.

Die Hauptstadt von Dalmatien eine willkommene Abwechslung

Statt Suppen mehr Salate, leichtere Mahlzeiten am Mittag und am Abend weniger Kohlenhydrate. 1998 gegründet, schippern unter der Flagge von Amazing Adventures Schiffe entlang der Küsten von Kroatien und der Türkei, vor Korfu und in den Kykladen, vor Vietnam, Schottland und den Seychellen. Sascha Wiese, Sohn eines deutschen Vaters und einer Mutter, die aus Sarajevo stammt, kann in seinem Beruf seine Leidenschaft für Land und Leute mit dem Radfahren verbinden. Beim Einlaufen in den Hafen von Zadar springt er von seinem Platz an Deck auf und genießt das Panorama. Fast 3000 Jahre alt bietet die Hauptstadt von Dalmatien nach Tagen der Ruhe eine willkommene Abwechslung. Bei einem Abendspaziergang heißt es eintauchen ins quirlige Treiben.

Am kommenden Tag geht es abwärts - zumindest für jene, die sich für die Rafting-Tour durch die Zrmanja-Schlucht entschieden haben. In Zweierkanus führt die Strecke auf smaragdgrünem Wasser den Canyon hinab. Links und rechts ragen beeindruckende Kalksteinwände in den blitzblauen Himmel. Manchem gaukelt die Fantasie vor, dass Winnetou von dort oben auf den Fluss herabschaut. War die Zrmanja-Schlucht doch Drehort für die Karl-May-Verfilmungen.

Wer dachte, er könne mit der Flucht ins kalte Nass seine geschundene Beinmuskulatur schonen und etwas für den Bizeps tun, hatte die Rechnung ohne die tückischen Stromschnellen und kleinen Wasserfälle gemacht, die ganzen Körpereinsatz forderten. Am Abend stehen Kanuten und Radfahrer an der Reling und schauen zu, wie der Kapitän Kurs auf die Insel Rab nimmt, die von der Abendsonne in ein fast mythisches Licht getaucht wird. Glückshormone strömen, auch weil es sich gut anfühlt, den Körper an seine Grenzen gebracht zu haben.

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