Konzert-Kritik Sido im Zenith in München: Vom Rüpel zum Kumpel

Paul Hartmut Würdig alias Sido im Münchner Zenith. Foto: Jens Niering

Sido verschenkt im ausverkauften Zenith Herzchen, denn er will ja jetzt ein Vorbild sein.

 

Profikicker und Profirapper eint die kurze Karriere. Mit Anfang 20 Teenie-Idol und Chart-Volltreffer am Fließband kommt mit Mitte 30 oft das böse Erwachen. Und im schlimmsten Fall feiert man das Möchtegern-Gangsterleben in immer kleineren Hallen. Nicht so Sido. Als Berliner Totenkopf-Maskenrapper verschreckte Paul Würdig vor 15 Jahren mit brutalen Aggro-Texten so manche Eltern, heute liest der sanft ergraute Bartträger Kindern in der Elbphilharmonie aus "Emil und die Detektive" vor.

Sido will nicht mehr provozieren

Wie dieser Spagat vom Rüpel zum Kumpel gelingen konnte, zeigt bereits der Auftakt seiner "Tausend Tattoos"-Tour im ausverkauften Zenith. Mit verspiegelter Sonnenbrille, weißem Base-Cap und glänzender Goldkette auf feuerrotem Trainingsanzug schlendert Sido gemächlich auf die Bühne und rappt im Song "Wie Papa" verräterisch: "Hehe, ich komm’ ausm Drecksviertel, und ja, ich wohn’ jetzt im Speckgürtel." Ein Eingeständnis voller Selbstironie, nach dem der Künstler gleich zu seinem einstigen Superhit "Mein Block" überleitet – aber nur, um noch einmal "zu checken, wer mich schon länger kennt".

Sido: Heiserkeit und Texthänger

Provozieren will dieser Sido also längst nicht mehr, lieber sein gemischtes Publikum, darunter auch viele Pärchen, trotz hörbarer Heiserkeit und einigen Texthängern mit einer Zeitreise durch seine Musiker-Biografie unterhalten.

So gewährt Sido auch der "The Voice of Germany"-Gewinnerin Claudia einen Kurzauftritt auf der minimalistisch-viereckigen, spitz zulaufenden Bühne, die ein wenig an das ProSieben-Studio erinnert. Wie ein gewiefter TV-Produzent strickt Alleinunterhalter Sido, der ohne Band und nahezu ohne Gast-Rapper auskommt, den Abend: Pathetische Mitsingnummern ("Der Himmel soll warten") zum Aufwärmen, später dann der kalkulierte Wechsel in die Bühnenmitte zu DJ Desue bei nostalgischen Rapstücken ("Royal Bunker"). Statt Mittelfinger verschenkt Sido jetzt Herzchen, denn er will ja kein "schlechtes Vorbild" mehr sein, auch nicht für seinen 19-jährigen Sohn, der ihn bei drei Stücken an den Drums unterstützen darf. Und nachdem die Maske immerhin als Sternenbild beim Mitsing-Radiohit "Astronaut" projiziert wird, dreht Sido ganz real in der Zugabe etwas widerwillig die Uhr zu den ordinären Ursprüngen mit dem "A***song" zurück. Und siehe da, den Gröl-Refrain "Da dadada daaa da" intonieren nach dem Konzert dann auch die zwölfjährigen Mädchen. Witzbold Sido dürfte das gefallen haben.


Am 13. Juli auf dem Tollwood, seine Weihnachtsshow am 13.12.2020 im Zenith

 

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