Konietzka Er hat entschieden: „Ich will das!“

Nach zwei Herzattacken kam die Krebsdiagnose. Für den Mann, der immer konsequent war – auf dem Platz wie im Leben – gab es keinen Zweifel mehr. Er setzte seinem Leben ein Ende

 

München - Er hatte seinen Tod durchgespielt. Hunderte Male. „Meine Frau und meine Kinder werden dabei sein. Ich werde ihnen sagen, dass ich sie nicht mehr wiedersehen werde. Dann schlucke ich den tödlichen Trunk und winke. 20 Minuten später bin ich weg.“ Der Tod werde durch eine Kombination von Atem- und Herzstillstand eintreten. Das erzählt Timo Konietzka im Frühjahr 2011 der AZ bei einem Besuch im schweizerischen Brunnen. Er spricht ruhig, fast routiniert vom Tod. Vielleicht auch, weil er schon eine Ahnung davon hat, was ihn angesichts der Krebsfälle in der Konietzka-Familie einmal erwarten könnte.

Am Montagabend ist der ehemalige Fußballer und Meisterlöwe von 1966 nun im Alter von 73 Jahren verstorben.

Im Februar diagnostizierten die Ärzte bei Konietzka Gallenkrebs. Eine Operation blieb erfolglos, die Krankheit galt als unheilbar. Für Konietzka das Zeichen, seine Ankündigung wahr zu machen und die Sterbehilfe des Schweizer Vereins „Exit“ in Anspruch zu nehmen. In der Schweiz ist, im Gegensatz zu Deutschland, der assistierte Suizid unter Umständen legal.

„Timo hat entschieden, zu sterben“, sagte seine Frau Claudia dem „Blick“. Mit ihr betrieb er im Erholungsort Brunnen am Vierwaldstätter See eine Gaststätte, die berühmt ist für ihre Hühnchenrezepte und vor allem ihren Inhaber. Claudia Konietzka erzählt von den letzten Tagen: „Am vergangenen Dienstag durfte ich Timo aus dem Spital nach Hause nehmen. Die letzten Tage waren ganz, ganz schön. Timo konnte nochmals seine kleinen Enkel sehen. Er hat auch noch ein Bier getrunken.“ Und seine Todesanzeige verfasst.

Auf dem Rasen hat sich der Mann mit dem Bürstenschnitt am 24. August 1963 unsterblich gemacht. Für seinen damaligen Verein Borussia Dortmund schoss der Stürmer aus dem Ruhrpott das erste Tor der Bundesligageschichte. 71 weitere sollten folgen. 1965 wechselte er zum TSV 1860 und zählte zur Mannschaft, die 1966 Deutscher Meister wurde – zum ersten und bislang einzigen Mal in der Vereinsgeschichte. Die Spieler werden im Gedenken an die Löwen-Legende am Mittwochabend bei Erzgebirge Aue mit Trauerflor antreten. Neunmal spielte Konietzka außerdem für die deutsche Nationalmannschaft, zweimal sogar gegen Jahrhundertfußballer Pele. Später holte er in der Schweiz als Trainer vier Meistertitel, drei mit dem FC Zürich, einen mit den Grasshoppers.

Aufnahmen von Konietzka mit anderen Legenden des Fußballs – Giovanni Trapattoni, Ottmar Hitzfeld, Franz Beckenbauer – hängen an den Wänden des Lokals „Zum Ochsen“ in Brunnen.
Die Herrentoilette ziert ein AZ-Ausschnitt. Darauf: Die Leserwahl zur besten Münchner Bundesligamannschaft aller Zeiten. Mit zehn Bayern. Und einem Sechzger: Timo Konietzka.

Auf dem Platz galt er als harter Hund, als Trainer war er eine unumstrittene Autorität. Einer, der keine Schwäche zeigt und sich von seinem Weg nicht abbringen lässt. Diese Eigenschaften behielt Konietzka bei, auch in der Zeit nach seiner Fußballkarriere.

Nach mehreren Herzattacken machte er Anfang 2011 seine Sterbehilfe-Pläne öffentlich. „Viele Menschen haben mir Briefe geschrieben und versucht, mich umzustimmen. Aber ich will das. An ein Leben nach dem Tod glaube ich nicht“, sagte Konietzka. Er wollte nur nie so enden wie seine nächsten Angehörigen.

Die Schwester war ebenfalls an Krebs gestorben, an Maschinen angeschlossen und lange künstlich am Leben erhalten. Zu lange, fand Konietzka. Der Bruder siechte im Rollstuhl mit Knochenkrebs dahin, abgemagert und vollgepumpt mit Morphium. Die demente Mutter erkannte im Pflegeheim zum Schluss ihren eigenen Sohn nicht mehr. „Das tut weh. So etwas will ich meiner Frau und meiner Familie nicht antun“, sagte Konietzka, der seit 1988 Schweizer Staatsbürger war. Er wollte selbst entscheiden, wie es zu Ende geht. Und wann. „Es ist der letzte Ausweg, wenn das Leben keinen Sinn mehr hat.“

Zum Abschied des AZ-Besuchs steht Timo Konietzka am Ufer des Vierwaldstätter Sees. Noch ein paar Fotos, er lächelt in die Kamera, blinzelt im Sonnenlicht. 100 Jahre alt würde er gerne werden. Hier, auf dem See, soll einmal seine Asche verstreut werden, erzählt er. Dann sagt Timo Konietzka: „Wenn es einmal soweit ist, habe ich eine wunderbare Zeit erlebt.“

 

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