Koloniale Raubkunst Behalten oder zurückgeben?

Der Schiffsschnabel kam während der Kolonialzeit 1884 als Kriegsbeute von Kamerun nach Deutschland. Im Herkunftsland erheben verschiedene Parteien Anspruch auf das Herrschaftszeichen, vor allem Prinz Kum’a Ndumbe III., der sogar von einer Königsinsignie spricht. Foto: Museum Fünf Kontinente

In Frankreich wird heftig über die Rückgabe kolonialer Raubkunst debattiert. Welche Konsequenzen hat das für die deutschen Sammlungen? Die AZ hat im Museum Fünf Kontinente nachgefragt

 

Vor einem Jahr versprach der französische Präsident Emanuel Macron die konsequente Rückgabe kolonialer Raubkunst aus Afrika. Seit einer Woche liegen nun der Bericht der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und des senegalesischen Ökonomen Felwine Sarr vor. Die beiden empfehlen rigorose und rasante Rückführungen vor. Und zwar sämtlicher Objekte, die bei militärischen Aktionen der französischen Kolonialmacht in Afrika erbeutet wurden, die auf wissenschaftlichen Expeditionen bis 1960 gesammelt wurden und die ausgeliehen, aber nie zurückgegeben wurden. Das bringt nun auch einigen Druck in die deutsche Debatte. Die AZ hat im Museum Fünf Kontinente mit Direktorin Uta Werlich und der Beauftragten für Provenienzforschung Hilke Thode-Arora gesprochen.

AZ: Frau Werlich, Frau Thode-Arora, welche Auswirkungen haben die Empfehlung von Savoy und Sarr auf die ethnologischen Museen in Deutschland?
UTA WERLICH: Für uns ändert sich zunächst nichts, jetzt ist die Politik in der Pflicht. Vor allem müssen sich die Länder einig werden, wie sie mit dem Kulturgut aus der Kolonialzeit umgehen wollen und die Museen finanziell und personell entsprechend ausstatten.

In Frankreich wird zentral in Paris entschieden, in Deutschland ist Kultur Sache der Länder.
WERLICH: Das macht die Sache ja so kompliziert. Anfragen wie nach den derzeit überall abgebildeten Benin-Bronzen würden in München, Hamburg oder Berlin wohl immer wieder separat geprüft und verhandelt werden.
HILKE THODE-ARORA: Auch indigenen Kooperationspartnern ist kaum zu vermitteln, dass Fragen der Restitution in den einzelnen Bundesländern ganz unterschiedlich gehandhabt werden und viele Partner an einen Tisch geholt werden müssen.

Hinter solchen Vorgaben kann man sich aber auch verschanzen.
WERLICH: Wir sind in dieser Entscheidung nicht frei, das muss man wirklich ganz deutlich so sagen. Wenn die Rückgabe eines bestimmten Objekts angefragt wird, können wir in Gespräche eintreten, die wissenschaftliche Vorarbeit leisten, Handlungsempfehlungen aussprechen und den Weg ebnen. Aber die letztendliche Entscheidung liegt nicht bei uns, das wissen viele nicht.

Wer entscheidet im konkreten Fall?
THODE-ARORA: Die übergeordnete Behörde. In unserem Fall ist dies das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.

Aber am Museum Fünf Kontinente gibt es doch sicher Leitlinien?
WERLICH: Dieses Haus ist ein offenes Haus und wir sind in jedem Fall gesprächsbereit. Grundsätzlich orientieren wir uns am Leitfaden des Deutschen Museumsbunds zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten.
THODE: Ich bin Mitautorin dieses Leitfadens, der von Juristen, Historikern, Naturkundlern, Kunstgeschichtlern, Archäologen und eben auch Ethnologen erarbeitet wurde. Man vergisst ja, dass wir in sehr vielen Museen Objekte aus kolonialen Kontexten finden. Selbst in einem Technikmuseum wie dem Deutschen Museum gibt es vermutlich Sammlungsgut, das der kolonialen Erschließung Afrikas gedient hat, wie etwa eine Lokomotive, und das damit in einem kolonialen Kontext steht. Hier muss man genauer hinsehen, da gibt es Forschungsbedarf.

Das heißt, Sie gehen auch ohne Anfrage proaktiv vor?
WERLICH: Alle Kuratoren am Haus waren längere Zeit im Feld und haben ihre stabilen Netzwerke in den Herkunftsländern. Schon allein durch ihre Expertise und Erfahrung sind sie höchst sensibilisiert für diese Thematik. Schon viele Jahre vor der Debatte um koloniale Raubkunst hat man sich hier intensiv mit der Sammlungsgeschichte befasst. Und jeder kennt seine schwarzen Schafe.

Sollte man diese problematischen Objekte nicht einfach zurückzugeben, wie Savoy und Sarr es fordern?
WERLICH: Es stellt sich doch die Frage, will man es zurückhaben?
THODE: Und wem will man es zurückgeben? Savoy und schlagen vor, die Objekte den Nationalstaaten zurückzuführen. Das ist auf einer binationalen und auf einer juristischen Ebene das Einfachste. Aber nehmen wir nur das Beispiel Tibet und China. Wäre es wirklich eine ethische Lösung, Objekte aus Tibet dem chinesischen Staat zu übergeben? Und das ist ja nicht die einzige heikle Konstellation. Die ethnologische Expertise ist wichtig, um diejenigen zu finden, die zu den jeweiligen Objekten die Deutungshoheit in ihrer jeweiligen Gesellschaft haben.

Der Wunsch nach Restitution ist also nicht selbstverständlich?
THODE: Aber nein. In meinem Forschungsbereich Ozeanien ist eine Wiedergutmachung kolonialen Unrechts oft mit ganz anderen Wünschen verbunden. Zum Beispiel, dass man den Bau von klimasicheren Museen unterstützt, die einem Wirbelsturm standhalten. Oder dass junge Wissenschaftler hier eine Ausbildung erhalten.

In der aktuellen Debatte scheint aber allein die Restitution zu interessieren.
WERLICH: Wir diskutieren dieses Thema primär mit Blick auf Afrika. Andere Stimmen werden so gut wie nicht gehört. Bei dem erst jüngst in Berlin stattgefundenen internationalen Symposium „Vertagtes Erbe“ waren erstmals chinesische Gäste dabei. Für sie stand das Thema Restitution nicht im Vordergrund, sondern vielmehr der Wunsch nach gemeinsamer Forschung, Kooperation, Partnerschaft für den Erhalt des Kulturgutes und dass es zugänglich ist.
THODE: Ähnliches höre ich auch aus dem Pazifik. Man wird ja auch den Verdacht nicht los, dass es im Prinzip wieder um uns geht: Wir wollen unser Gewissen reinigen.

Eine Art Ablass von den kolonialen Sünden?
THODE: Das könnte man sagen, wir wären die Bürde der belasteten Objekte los. Aber so einfach ist es eben nicht.

Woher kommen die meisten Restitutionsforderungen?
WERLICH: Neben dem Schiffsschnabel aus Kamerun gibt es an unser Haus derzeit keine weiteren Rückgabeforderungen. Das mag daran liegen, dass unsere Sammlungen noch nicht online recherchierbar sind. Aber auch die Kollegen aus anderen Häusern berichten, dass es nicht zu einer Flut an Rückgabeforderungen gekommen ist, wie man sich das vielleicht vorstellt.

Was ist denn nun mit dem Schiffsschnabel aus Kamerun?
WERLICH: Für den interessiert sich vor allem Prinz Kum’a Ndumbe III. 2016 wurde in einem ersten gemeinsamen Gespräch von Seiten des Hauses die Bitte formuliert, der Prinz möge belegen, dass er berechtigt sei, diesen Schiffsschnabel entgegen zu nehmen. Seither ist Funkstille.
THODE: Bei vielen Rückgabewünschen treten mehrere Parteien auf, und natürlich ist es für die Museen schwierig herauszufinden, mit wem man spricht – idealerweise immer mit allen Beteiligten – und an wen man die Objekte zurückgeben sollte. Das ist ja auch das Problem bei den Benin-Bronzen im Musée du Quai Branly.

Wie wird die Diskussion die Museen verändern?
WERLICH: Es hat sich schon enorm viel getan, aber wir müssen unsere Sammlungsbestände noch kritischer durchgehen und zusätzliche, auch unbequeme Geschichten zu einem bestimmten Objekt erzählen. Wir müssen uns noch besser mit Vertretern der Herkunftsländer austauschen. Und wir müssen viel mehr im globalhistorischen Kontext denken.

 

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