Kneipensterben Boazn-Aus: Bye-Bye Bobby!

Die beliebte Seele des Heiliggeiststüberls: Wirtin Bobby in Fransenlederjacke mit Nietengurt. Foto: V. Kemmer

Die Wirtin Bobby muss ihr stadtbekanntes Heiliggeiststüberl am Viktualienmarkt nach 40 Jahren zusperren – die Trauer ist groß.

Altstadt - Ein Liebespaar wagt ein letztes Tänzchen. Sie haben gerade noch einen Wodka mit Lemon geordert und schmusen innig. 60er-Jahre-Schlager wabern aus alten Boxen. Ab und zu hängt die CD, aber das stört nicht. Am Tresen stimmen zwei heitere Jungs bei „Bye-Bye Love“ von den „Everly Brothers“ fehlerfrei mit ein.

Beschwingtes Publikum, Hochprozentiges und Schlager: Auch in den letzten Tagen des Heiliggeiststüberls erfreut genau diese Mischung – wie schon in den 40 Jahren zuvor. Aber jetzt ist es vorbei. „Es ist schon seit einem halben Jahr Begräbnisstimmung“, sagt Bobby, die Wirtin des Stüberls am Viktualienmarkt.

Alles wurde seither versucht, 10 000 Unterschriften haben Unterstützer zusammengetragen, um ihr „Wohnzimmer“ zu retten. Ohne Erfolg, der Mietvertrag läuft Ende des Monats aus. Der Grund? „Es war angeblich zu voll. Der Eigentümer wohnt oben drüber. So genau wissen wir es nicht und wollen keinen Streit“, sagt Bobby.

Wolfgang Prinz, der sich als Münchner Maler einen Namen gemacht hat, gehört hier zum Inventar. „Franz Beckenbauer, Gustl Bayrhammer, Christian Ude – ich hab’ alle gemalt und eben auch die Bobby“, sagt er. „Trotz Unterschriften und Presse, da war nix mehr zu machen. Ich habe gehört, dass die Eisdiele daneben sich vergrößert.“ Aber was nach dem Stüberl kommt, weiß keiner so genau.

Und Bobby gibt hier nicht einfach nur ihr Stüberl auf. Es war ihr Leben. Wie es jetzt weitergeht? Sie sagt: „Silvester, Geburtstag und Weihnachten – immer war ich hier. Ich weiß noch nicht, was ich danach mache, aber eins bleibt mir sicher – die vielen lustigen Geschichten aus 40 Jahren.“

Und davon gibt es viele. Bobby erzählt: „Einmal war es so voll, dass ich das Ladengitter herunter lassen musste, damit keiner mehr rein kommt. War aber wurscht, die haben sich einfach durch das Gitter gezwängt. So Freunde, meinte ich, wenn ihr nicht aufhört, gibt’s nur noch Apfelschorle. Da haben echt alle Schorle getrunken.“

Reihenweise hat die begeisterte Harley-Fahrerin Bobby Männern die Köpfe verdreht. Ein Verehrer schenkte ihr einmal 5000 Rosen. „Wohin damit? Stunden waren wir beschäftigt die Rosenköpfe abzuschneiden. Wir haben sie dann zu einem Riesenherz auf dem Boden vor dem Laden dekoriert“, sagt sie.

Auch Annelies Mihaljevic ist traurig, seit Jahren ist sie Stammgast. „Das ganze Markt-Flair ist weg. Früher haben wir musiziert, gezecht und gelacht. Schriftsteller, Maler, Opernsänger, Marktleute. Und jetzt? Soll ich mich mit 68 Jahren in die Eisdiele hocken? Das Schöne war hier der bunte Mix: Banker, Arbeiter, Künstler oder Großkopferte – hier war das eine gemeinsame Gaudi.“

Die Idee für die bunte Mischung hat Bobby aus Venedig. In der legendären Harry’s Bar unweit des Markusplatzes, in der schon Ernest Hemingway sein Glas leerte, war Bobby vor vielen Jahren schon vom Gäste-Mix fasziniert. „Fischer tranken mit Damen in sündteuren Abendroben und lachten viel“, sagt Bobby. „So etwas wollte ich hier auch machen.“ Das ist ihr ganz gut gelungen.

 

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