Klavierduo Wenn schon Oper - dann Wagner!

Vier Hände können einfach mehr anstellen, finden Yaara Tal und Andreas Groethuysen. An einem und erst recht an zwei Flügeln. Foto: Michael Leis

Das Klavier-Duo Yaara Tal und Andreas Groethuysen widmet dem Meister eine CD

 

Die beiden wohnen mitten in Schwabing. Allerdings in einem separaten Häuschen zwischen hohen Mietblocks. Und das aus gutem Grund: Bei Yaara Tal und Andreas Groethuysen geht’s naturgemäß etwas lauter zu. Jetzt hat das israelisch-deutsche Klavierduo, das auch privat ein Paar ist, Wagner eingespielt. Ein Gespräch über Tuchfühlung, Wiener Walzer und einen genialen Widerling.

AZ: Normal machen Pianisten einen Bogen um Wagner. Fürs Klavier hat er gerade mal zwei Sonaten geschrieben.

YAARA TAL: Man mag doch auch Komponisten, die nicht für einen selber schrieben.

ANDREAS GROETHUYSEN: Wagner wusste genau, dass seine Stärken in der Oper liegen. Aber diese dann am Klavier zu spielen, ist einfach toll!

Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Wagner?

T.: Ob man ihn mag oder nicht, bessere Opern gibt es nicht, handwerklich, musikalisch, egal, in welcher Hinsicht. Wir sind Wagner nicht verfallen, aber wir schätzen ihn sehr.

G.: Ich habe nur ein Problem mit Sängern auf der Bühne, dem opernhaften Theater. Aber wenn schon Oper, dann ist Wagner für mich das Nonplusultra.

Auf Ihrer aktuellen CD spielen Sie neben Wagner-Bearbeitungen von Debussy oder Reger die „Götterdämmerung“ von Alfred Pringsheim. Er ist uns eher als Mathematiker und Schwiegervater von Thomas Mann ein Begriff.

G.: Pringsheim muss ein fantastischer Pianist gewesen sein, er hat ja alles selbst gespielt, und man weiß, dass es in seiner Villa an der Arcisstraße 12 – also dort, wo heute die Musikhochschule ist – zwei Flügel gab. Egon Voss, der ehemalige Leiter der Wagner-Gesamtausgabe, hat uns schon vor Jahren auf ihn aufmerksam gemacht und uns sehr überzeugende Manuskripte gezeigt. Erstaunlich, dass man so gar nichts zu Pringsheims musikalischem Werdegang weiß.

Seine Leidenschaft für Wagner ist hörbar.

G.: Absolut, er war in Bayreuth bei den Proben zur „Götterdämmerung“. Beim Streit in einem Bierlokal warf er einem Wagner-Gegner den Maßkrug an den Kopf. Dennoch stand er als nüchterner Naturwissenschaftler dem Meister kritisch gegenüber. Immerhin gibt es über 40 Bearbeitungen der Musik Wagners von ihm.

Trotzdem haben Sie keine reine CD mit Pringsheim-Bearbeitungen gemacht.

T.: Wir hatten keine musikwissenschaftliche Veranstaltung im Sinn. Eine halbe Stunde „Götterdämmerung“ zeigt schon, wie gekonnt und anspruchsvoll diese Bearbeitungen sind. Unser Thema war ja die Berauschtheit auf beiden Seiten des Rheins, für die französische Seite haben wir Debussy und Dukas genommen, für die deutsche Reger und Pringsheim.

In der „Götterdämmerung“ dürfen Sie in die Vollen gehen.

G.: Viel eindrucksvoller sind aber für mich die leisen Stellen. Das Gespräch am Schluss der „Walküre“ zwischen Wotan und Brünnhilde ist so tief und anrührend – für mich der Höhepunkt vom ganzen „Ring“. Da spielt viel Psychologisches mit hinein, das ist so differenziert, von anderen Opern kenne ich das kaum. Wagner hat einfach unglaublich viel vom Menschen verstanden. Obwohl er selber ein genialer Widerling war.

T: Er hat den modernen Menschen vorausempfunden.

Sie klingen ziemlich Wagner-begeistert, Frau Tal, wie findet das Ihre Familie in Israel?

T.: Ich habe nicht mehr viel Familie, mein Bruder lebt in Amerika, und die in Israel wissen nicht so genau, was ich hier mache. Ich muss niemandem Rechenschaft geben.

G.: Aber wir würden das Programm so nicht in Israel spielen. Das wäre eine Provokation, die wir nicht auf uns nehmen wollten. Wenn’s Barenboim macht, ist das seine Entscheidung, er kann sich das eher erlauben.

T.: Ich habe auch keinen erzieherischen Auftrag. Ich spiele, was mir gefällt.

Was ist denn der Reiz am Zusammenspiel?

G.: Das Gemeinsame – man muss die Nähe natürlich mögen und aushalten – aber auch die Vergrößerung der Möglichkeiten. Vier Hände können einfach mehr anstellen. Leider haben das die wenigsten Komponisten genutzt, nicht einmal Chopin und Liszt. Dabei sind die beiden sogar zusammen aufgetreten.

Sie sind damit fast gezwungen, in anderen Bereichen zu wildern.

T.: Ja, wir machen aber aus der Not eine Tugend.

G.: Immerhin gibt es ungefähr 5000 Werke für Klavierduo – sowohl für zwei Klaviere als auch vierhändig.

Das ist vielleicht nicht immer das, was man spielen will.

G.: Natürlich ist viel Unbedeutendes dabei. Aber wir haben recherchiert und endlose Listen angefertigt. Daraus zupfen wird dann unser Repertoire zusammen.

Dennoch fallen Sie vor allem mit Bearbeitungen auf. Und oft genug liefern Sie regelrechte Analysen der Originalwerke. Man entdeckt manchmal Strukturen, die im Orchester völlig untergehen.

T.: Wir legen aber genauso Wert auf die Ästhetik, egal, ob wir nun Originale oder Bearbeitungen spielen. Unser Idealklang ist allerdings sehr transparent, das kommt uns dann entgegen, wenn wir ein komplexes Werk spielen.

G.: Vor allem vierhändig an einem Klavier, da ist Durchsichtigkeit sehr wichtig, andernfalls wird’s schwerfällig.

T.: Aber wir wollen dem Publikum keine Analyse vorführen. Zuerst sind wir Bauchkünstler, dann kommt der Kopf.

G.: Der Genuss steht im Vordergrund. Wenn der Geist damit auch etwas anfangen kann, dann ist das ...

T.: Luxus!

Wer gibt bei Ihnen eigentlich den Ton an?

G.: Wer eine Idee hat, der soll mal machen.

T.: Der kriegt eine Chance!

G.: Wir testen diese Version aus, dann zeigt sich schon, ob’s funktioniert.

Gibt es Musik, bei der Sie nicht zusammen kommen?

G.: Der Walzerrhythmus! Da haben wir bis heute recht unterschiedliche Meinungen.

Ihre CD mit den Brahms-Walzern klingt aber, als hätten Sie sich geeinigt.

G.: Danke, aber der Walzer ist eine diffizile Angelegenheit.

T.: Sehr heikel!

Wie lange dehnt man das punktierte Viertel...

G.: Wienerisch, und das ist was sehr Individuelles. Ich will wohl dieses typisch Walzerselige, Tänzerische stärker profiliert haben. Und dadurch, dass ich unten sitze, habe ich das mehr in der Hand.

Wie war das nochmal mit der Gemeinsamkeit?

G.: Aber das ist die Macht des Secondo. Der herrscht übers Pedal, über den Rhythmus, die Basslinie, die Harmonie. Wie der Dirigent in der Oper.

Frau Tal, und Sie dürfen oben noch die Pirouetten drehen?

T.: Ach was, ohne mich läuft doch gar nichts!

G.: Dieses Dialektische ist ja auch das Genussvolle: Man hat den anderen und integriert ihn komplett in die eigene Vorstellung. Das ist wirklich ein Geben und Nehmen, Führen und Begleiten und – wie’s am Ende vom Liebestod heißt – höchste Lust.

Streit im Alltag wäre sicher kontraproduktiv?

G.: Oft geht es doch um Kleinigkeiten. Wenn man das richtig einordnet, gibt man diesem Streit weniger Raum. An Konzerttagen gehen wir bewusst jedem Konflikt aus dem Weg. Da muss ein harmonischer Grundklang da sein. Wenn da eine Spannung ist, kann man das vergessen.

Ist das Klavier so etwas wie Beziehungspflege?

T. und G.: Mit Sicherheit!

CD „Götterdämmerung“ (Sony)

 

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