Klassik Verblüffende Verbindung

Winrich Hopp, geboren 1961 in Berlin. Er promovierte über Stockhausen und war ab 2002 im Vorstand der Kunststiftung NRW. Foto: Heike Steinweg

Generationswechsel: Der künftige Leiter der musica viva über seine Pläne und Absichten

 

Zum 1. Januar 2011 tritt Winrich Hopp die Nachfolge von Udo Zimmermann als künstlerischer Leiter der musica viva an. Bei der Avantgarde-Reihe des Bayerischen Rundfunks war Hopp von 1997 bis 2002 Dramaturg für Programmplanung und künstlerische Produktion.

AZ: Herr Hopp, warum brauchen wir die musica viva?

WINRICH HOPP: Weil wir ein Forum für Gegenwartsmusik brauchen. Ur- und Erstaufführungen wie auch die generelle Pflege des Neuen sind wichtig. Sie können in regulären Orchester-Abos nicht im notwendigen Maß geleistet werden. Bis heute sind die Werke, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind, nicht Teil des Repertoires.

Liegt das nicht auch an mangelhafter Musikvermittlung? Da hapert es bei der musica viva. Was wollen Sie ändern?

Das wird man sehen. Grundsätzlich sollte ein Kunstwerk auch aus sich heraus wirken. Zur Vermittlung gehören viele Seiten, übrigens auch Journalisten. Hier hat die musica viva den Vorteil, dass sie von einer Rundfunkanstalt getragen wird. Zugleich müssen sich auch die Orchester-Abos öffnen. Komponisten wie Alban Berg, Anton Webern oder Arnold Schönberg sollten allgemein stärker vertreten sein. Das nützt ebenso der heutigen Musik.

Muss sich auch die musica viva öffnen?

Wenn es einer Uraufführung hilft, kann bei der Avantgardereihe auch in die Geschichte gegangen werden. Aber das ist nicht unsere primäre Aufgabe. Übrigens wurden bei der musica viva früher auch schon Alte und Neue Musik gemeinsam präsentiert. In Berlin haben wir verblüffende Verbindungen zwischen Edgard Varèse und Richard Strauss offen gelegt. Aber: Das ist alles nicht imitierbar. Udo Zimmermann hat Komponisten wie Karlheinz Stockhausen oder Brian Ferneyhough präsentiert. Mit wem und was ich komme, hängt auch davon ab, wie sich München in der Zwischenzeit verändert hat. Da muss ich erst klarer sehen.

Mariss Jansons kann sich vorstellen, bei der musica viva zu dirigieren. Auch Orchester-manager Stephan Gehmacher wünscht sich einen Austausch. Wie stehen Sie dazu?

Das sind gute Voraussetzungen. Beide kenne ich von meiner Tätigkeit in Berlin. Jansons ist der Moderne gegenüber aufgeschlossen. Im Übrigen freue ich mich sehr auf das BR-Symphonieorchester: Ich habe die Zusammenarbeit mit diesen Ausnahmemusikern in bester, schönster Erinnerung.

Können Sie sich vorstellen, mit der städtischen Musiktheater-Biennale kooperieren?

Das wird sich alles zeigen. Mit Biennale-Leiter Peter Ruzicka bestehen sehr gute Kontakte. Aber zunächst geht es ganz um die musica viva, um ein klar geprägtes Profil. Und wir dürfen nicht vergessen: Die Reihe gehört zum Gründungsmanifest des BR-Symphonieorchesters.

Bleiben Sie weiterhin beim „musikfest berlin" tätig?

Es spricht nichts dagegen, im Gegenteil: alles dafür. Sowohl von den Berliner Festspielen als auch vom BR wurde das ausdrücklich begrüßt.

Wird die musica viva nun gefälliger?

Was heißt denn gefällig oder eingängig? Für mich ist die Grammatik eines Anton Bruckner oder das „Heldenleben“ von Strauss weitaus komplizierter als György Ligetis „Atmosphères“.

Marco Frei

 

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