Klassik Ständig unter Strom

Hier wird nicht distinguiert dirigiert, sondern emotional geschuftet: Gustavo Dudamel in Aktion. Foto: az

Der Dirigent Gustavo Dudamel gastiert heute Abend in der Philharmonie.

 

Vor drei Jahren sprang ein unbekannter 24-Jähriger für den erkrankten André Previn beim Bayerischen Staatsorchester ein. Die beiden anderen Münchner Großorchester entsandten ihre Kundschafter ins Nationaltheater. Sie hörten sich den mit intensiven Körpereinsatz dirigierenden Südamerikaner an, doch für ein Engagement bei den Philharmonikern oder BR-Symphonikern reichte es nicht – warum auch immer. Heute ist Gustavo Dudamel ein Weltstar, um den sich die Orchester reißen. Er debütierte mit „Don Giovanni“ an der Mailänder Scala, dirigierte die Wiener Philharmoniker und erfreute den Papst.

Vergangenen Sommer begeisterte er mit seinem Simon Bolivar Youth Orchestra die Salzburger Festspiele. Agenten und Plattenfirmen reißen sich um ihn. Kollegen wie Claudio Abbado oder Daniel Barenboim haben ihm bestätigt, dass er ein ganz Großer werden kann. „Der begabteste und faszinierendste Dirigent, den ich kenne“, rühmt ihn Simon Rattle, Chef der Berliner Philharmoniker.

Temperamentvolle Gesten

An den Briten erinnert nicht nur der Lockenkopf, sondern auch manch temperamentvolle Geste und das Charisma des aus der venezolanischen Stadt Barquisimeto stammenden Jungstars, der als Sohn eines Salsa-Musikers schon früh Musikunterricht bekam. Mit zehn lernte er Geige und Komposition, zwei Jahre später sprang er bei der Probe eines Jugendorchesters für den erkrankten Dirigenten ein. Ein Jahr später war er selber Chef.

Mit 18 wurde Dudamel Dirigent des furiosen Simón Bolívar Youth Orchestra, das er bis heute betreut. Es versammelt junge Menschen aus allen sozialen Schichten des südamerikanischen Landes und ist die Spitze eines Erziehungsprojekts, mit dessen Hilfe rund 300000 Jugendliche bisher ein klassisches Instrument spielen lernten.

Dudamel bewundert Karajan wegen seiner Disziplin und Bernstein für den Mut zum Risiko. Aber er stellt fest: „Die Zeit der Diktatoren und Maestros ist vorbei. Ich bin nur Teil des Orchesters, erst durch gemeinsame Nähe entsteht die Magie der Musik.“ Die Weltkarriere des Venezolaners begann in Franken ein Jahr vor seinem München-Debüt: 2004 setzte er sich beim Gustav-Mahler-Wettbewerb in Bamberg gegen 300 Konkurrenten durch. Der Dirigent Esa-Pekka Salonen war in der Jury. Er lobte die Frische von Mahlers Fünfter unter Dudamel und lud ihn nach Los Angeles ein. Seit einem Jahr ist er beim dortigen Orchester Salonens Nachfolger und zugleich Chef des 1905 gegründeten Orchesters von Göteborg, mit dem er heute in der Philharmonie gastiert. Sergej Katchatrian spielt das Violinkonzert von Jean Sibelius. Davor gibt es Hector Berlioz' „Symphonie fantastique“: Sie müssten dem Heißsporn aus Venezuela liegen.

RBR

Philharmonie im Gasteig, München, 20 Uhr. Restkarten an der Abendkasse

 

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