Klassik Seltsame Sachen schlucken

Labyrinthische Gefühle: Robert Sellier und Stefanie Kunschke in „Liebe und Eifersucht“. Foto: Hermann Posch

Gärtnerplatz: Der Tenor Robert Sellier und die Sopranistin Stefanie Kunschke über ihre Rollen in E.T.A. Hoffmanns Oper „Liebe und Eifersucht“

 

Mit einem Humor, der mir selbst unbegreiflich schien, arbeite ich jetzt an einer Oper“, schrieb E.T.A. Hoffmann 1807 an seinen Verleger. „Ich wünschte, sie wäre die erste, die von mir auf irgend einem großen Theater erschiene.“ Die Hoffnung trog: Das Singspiel „Liebe und Eifersucht“ des komponierenden Dichters wurde vom Berliner Nationaltheater abgelehnt und geriet in Vergessenheit.

Nun erbarmt sich nach einer Voraufführung bei den Ludwigsburger Festspielen mit 199-jähriger Verspätung am Samstag das Gärtnerplatztheater. Wäre E.T.A. Hoffmann zu den Proben gekommen, hätte er sich einiges anhören müssen. „Mozart sind die Sänger ständig aufs Dach gestiegen“, sagt Robert Sellier. „Man merkt der Partitur an, dass sie noch nie praktisch ausprobiert wurde. Wir mussten manchmal seltsame Sachen schlucken.“ Der 29-jährige Münchner wunderte sich über die dramatischen Stellen in der Rolle des Enrico: „Sie liegen ungünstig. Da muss ich in der tiefen Lage herumbrummeln.“

Amadeus als Ideal

Der Romantiker Hoffmann war als Komponist ein konservativer Klassizist. Aber er macht seinem selbstgewählten Dritt-Vornahmen Amadeus alle Ehre. „Mozart war Hoffmanns Ideal. Das ist bereits in der Ouvertüre zu hören“, lobt die aus dem Rheinland stammende Sopranistin Stefanie Kunschke, die vor ihrem ersten Engagement in Lübeck Schulmusik und evangelische Religion studierte.

Eine blaue Schärpe und eine Blume, die Enrico von zwei verschleierten Damen überreicht, sorgen für allerhand Liebes-Wirbel. „Enrico ist ein draufgängerischer Galan“, erklärt Sellier die von ihm verkörperte Rolle. „Er liebt Lisida, soll aber im Auftrag des Herzogs herausfinden, auf wen ihre ältere Schwester Cloris steht. Daher macht er ihr den Hof und bringt alle Frauen gegen sich auf.“

Die Schattenseiten des Lebens

Trotzdem wird am Ende der von Hoffmanns Romantiker-Kollegen August Wilhelm Schlegel aus dem Spanischen übersetzten Mantel- und Degen-Komödie von Calderón alles gut, wenn auch mit einem leichten Fragezeichen: „Die Figuren sind sehr unerfahren“, findet Kunschke. „Lisida und Enrico lieben sich, aber es ist ihre erste Beziehung. Die Oper zeigt, dass jeder von uns Schattenseiten wie die Eifersucht hat. Das macht die Handlung menschlich und attraktiv.“

Unbedingt das Programmheft lesen!

Der inszenierende Bühnenbildner Ezio Toffolutti hat die Liebeswirren aus der Renaissance in die Entstehungszeit der Musik verlegt. „Das Ästhetische ist ihm sehr wichtig“, sagt Sellier. „Er will, dass die schönen Requisiten und Kostüme zur Geltung kommen. Ich werde nach meinem Auftritt komplett neu eingekleidet.“ Kunschke lobt die Biedermeier-Kleider: „Sie sind im Detail durchdacht bis zu den Unterröcken, Strümpfen und Handschuhen. Aber das ist sehr wichtig: Weil sie so genau gearbeitet sind, muss ich mich ganz anders darin bewegen.“

Sellier rät, vor der Aufführung den Text im Programmheft zu lesen: „Dann kommt keiner auf die Idee, uns vorzuwerfen, man würde nicht alles verstehen. Selbst die Dialoge zwischen den Musiknummern haben den Ehrgeiz, nicht geradewegs auf den Punkt zu kommen, sondern eine Pointe lange einzukreisen, ehe sie wirklich zündet.“

Robert Braunmüller

Karten: Tel. 2185 1960

 

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