Klassik Schöne Grüße aus Verona!

Auf der Bühne ist es nicht eben eine Neuigkeit, dass es sich beim alten Ägypten um eine Diktatur handelte. Falls es die Stuttgarter noch nicht wissen, können sie es jetzt in der Oper sehen. Foto: M. Sigmund

Stuttgart: Giuseppe Verdis ägyptische Haupt- und Staatsaktion „Aida“ in einer Mischung aus Regietheater und Opernkonvention

 

Von wegen strahlender Held: In Karsten Wiegands Stuttgarter Inszenierung von Verdis „Aida“ ist der ägyptische Feldherr Radames klein, knubbelig und korrupt. Einer, der nur dann eine Chance hat, die Dame seines Herzens zu gewinnen, wenn er weit genug nach oben kommt.

Dass daraus nichts wird, wissen alle Opernfreunde zu Genüge. Am Ende sterben die beiden Liebenden. Zum Glück hat sich der Komponist dazu eine so wunderbare Musik ausgedacht, dass man diesen Moment geradezu herbei sehnt. Zumal dann, wenn zwei Sänger zusammenfinden, die sensibel genug sind, Ausdruck auch in stimmlicher Zurückhaltung zu suchen: Die Sopranistin Maria José Siri aus Uruguay war in der Titelpartie zwar gelegentlich nervös, doch immer um Zwischentöne bemüht.

Das Risiko der Ruhe

Und der mexikanische Tenor Hector Sandoval (Radames) riskierte schon in seiner Auftrittsarie „Celeste Aida“ so viel Ruhe und Mezza-Voce-Kultur, dass dies für den weiteren Verlauf des Abends einiges versprach. Leider fehlte dann aber doch die Durchschlagskraft, um sich in den Ensembles angemessen zu behaupten.

Der 2001 mit dem Bayerischen Theaterpreis ausgezeichnete Münchner Regisseur Karsten Wiegand hatte gute, aber auch fragwürdige Einfälle: Radames kommt betrunken zum großen Duett mit Aida an den Nil. Zuvor war er im Triumph-Akt mit Geldscheinen zugeschüttet worden, während die feinen Damen der Gesellschaft den herum liegenden Toten den Schmuck abnahmen und Aida als Cheerleader lustlos über die Bühne stakste.

Der Dirigent wandelt auf Toscaninis Spuren

Dass es nicht nur um das Uralt-Thema „Mann zwischen zwei Frauen“, sondern auch um die brutalen Mechanismen der Macht geht, wurde immerhin angedeutet. Der zunächst goldene Bühnenraum (Bärbl Hohmann) verwandelte sich nach der Pause in einen Lametta-Wald und dann in eine schwarze Höhle. Nahezu die Hälfte der Oper fand konzertant statt. Amneris (imponierend: Marina Prudenskaja) hob die Arme pathetisch gen Himmel. Den Schlussgesang absolvierten Aida und Radames nebeneinander stehend, ohne sich anzublicken. Verona ließ grüßen.

Augen zu und Ohren auf – wer dieser Devise folgte, kam auf seine Kosten, zumal auch die Ballettszenen nur musikalisch stattfanden. Ein Glücksfall Stuttgarts GMD Manfred Honeck: Wie er rhythmisch strikt und ohne jede Larmoyanz die Dramatik voran trieb, dabei den Sängern immer ein verständnisvoller Partner war – das konnte weitaus mehr überzeugen als etwa Zubin Mehtas beschauliche Münchner „Aida“-Langsamkeit. Chor und Orchester steigerten sich bravourös. Das einhellige Buh für die Regie wäre zu vermeiden gewesen. Man hätte nur die eigenen Ambitionen und klugen Programmhefterklärungen szenisch adäquat umsetzen müssen.

Volker Boser

Wieder am 29. 10., 2., 8., und 12.11., Tel. 0711 / 202090

 

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