Klassik Schneewittchen mag Fandango

Elfe auf der Erde? Hille Perl ist tatsächlich von dieser Welt – und pflegt einen guten Humor. Foto: az

Die Gambistin Hille Perl hat sich in Mexiko umgehört – und mischt mit ihren Hombres den Herkulessaal auf.

 

Noch ein bisschen Puder, und die Frau könnte problemlos auf der „Vogue“ für Elfen posieren. Oder im nächsten Märchenfilm das Schneewittchen mimen. Hille Perl müsste sich nicht mal groß verkleiden. Wie man sieht, hat sie sich aber einen anderen Job ausgesucht. Und sie streicht beherzter über die Saiten ihrer Gambe, als man beim Weiß ihres Porzellanteints glauben mag. Heute mischt die attraktive Hobby-Bäuerin mit vielen Hombres den Herkulessaal auf – iberomexikanisch sozusagen.

AZ: Frau Perl, was machen Sie eigentlich lieber, Gambe spielen oder Pferde füttern?

HILLE PERL: Natürlich Gambe spielen. Der Bauernhof sorgt dann für die Erholung – und das hat noch einen Vorteil: Ich muss nie in Urlaub fahren, die Idylle liegt vor der Haustür.

Und wer versorgt die Tiere, wenn Sie auf Tour gehen?

Es sind immer Leute da, die sich um die Hühner und das Kleinvieh kümmern. Aber wir verdienen mit dem Hof ja kein Geld, das ist eher wie bei Pettersson und Findus.

Dann können Sie sich jetzt ganz auf den Fandango konzentrieren. Was hat’s damit auf sich?

Darunter versteht man einen Abend mit Musik und Tanz.

Was im Herkulessaal nicht ganz einfach sein dürfte. Das Publikum müsste ja tanzen oder zumindest mitsingen.

Stimmt schon, in Mexiko läuft das auch genau so ab, dort lebt man den Fandango. Für uns (Anm.: das Ensemble Los Otros) ist das allerdings schwierig, denn wir reaktivieren die Stücke nur. Deshalb haben wir die mexikanischen Musiker von La Hacha dabei.

Sie kommen mit zwei Ensembles. Wie funktioniert das?

Wir haben uns umgehört, was ganz aktuell in Mexiko gespielt wird, und nach Verbindungen ins alte, barocke Spanien gesucht. Über die Jahrhunderte gab es einen intensiven Musik-Transfer zwischen den Kontinenten. Wir drei von Los Otros spielen dann das europäische Original, unsere mexikanischen Kollegen das, was sich daraus entwickelt hat. Manchmal sind die Titel sogar noch dieselben.

Ein Musikseminar mit hohem Unterhaltungsfaktor.

Könnte man so sagen.

Lässt sich Altes und Neues denn immer so genau trennen?

Nein, deshalb spielen Los Otros auch mal bei den Mexikanern mit und die bei uns.

Und was fasziniert Sie so sehr am Fandango?

Diese Musik kommt mitten aus dem Leben, da werden aktuelle Erlebnisse erzählt. Und jeden Abend gibt's andere Texte, je nach dem, was tagsüber so vorgefallen ist.

Wie viel im Konzert ist Improvisation, wie viel Partitur?

Ungefähr halb, halb.

In Ihrem Ensemble Los Otros herrscht Gleichberechtigung. Wie funktioniert Demokratie in der Musik?

Das ist oft ein langwieriger Prozess, und manchmal muss man sich schon auf die Zunge beißen. Natürlich kommt man schneller zu einem künstlerischen Ergebnis, wenn nur einer entscheidet. Aber bei allen Mühen ist unser Findungsprozess der interessantere.

Dann sind Sie mit Musik und Bauernhof ausgefüllt?

O ja. Lee Santana und ich haben eine 24-jährige Tochter, Marthe, die ebenfalls Gambistin ist. Sie hat eine 5-jährige Tochter, die auch schon Musik macht. Und man sollte es nicht für möglich halten, aber ich bin eine sehr gute Großmutter! Durch die Musik verbringen wir natürlich viel Zeit miteinander – meine Tochter hat zum Beispiel auf der neuen Dowland-CD mitgespielt. Wir können also alle gut miteinander – und das genieße ich sehr.

Christa Sigg

Montag, 20 Uhr, Herkulessaal, Karten 28 bis 58 Euro, Tel.0800-5454455

Aktuelle CDs bei deutsche harmonia mundi:

* La Hacha – Los Otros & Friends, Ein ibero-mexikanischer Fandango

* John Dowland, In Darkness Let Me Dwell mit Hille Perl, Lee Santana und der Sopranistin Dorothee Mields

 

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