Klassik Ringen mit Gott – oder dem Übervater?

Der philharmonische Ehrendirigent Zubin Mehta. Foto: Reuters

Gasteig: Zubin Mehta und die Philharmoniker mit Bernstein und Olivier Messiaen

Darf’s a bisserl mehr sein? So kurz vor Weihnachten sagt da keiner nein. Bis dann der Magen verdorben ist und man sich mit Wehmut an den bekömmlichen ersten Gang des Menüs erinnert. Den mit dem feinen Vogelvieh. Aber mit einer halben Stunde Messiaen lässt sich kein Konzertbesucher abspeisen. Zumal Zubin Mehta mit Bernstein noch einen bombastischen Weihnachtsbraten im Rohr hatte.

Heerscharen füllten die Bühne – die Münchner Philharmoniker samt Chor, die Knaben aus Tölz, Sopranistin Angela Maria Blasi sowie Mehtas Sohn Mervan als Sprecher –, und das Thema dieser 3. Symphonie war ernst genug, um weihevolle Konzentration einzufordern. Kaddish, das wichtigste unter den jüdischen Gebeten, bildet den Kern dieses Ringens mit dem Glauben. Bei Bernstein hadert ein Mensch mit Gott, also ein Sohn mit seinem Vater. Und da hatte der Komponist einiges aufzuarbeiten. Tatsächlich klang Mervans überwiegend lautes Skandieren – man ist eben US-wahlgeschädigt – wie die Parolen eines Barack Obama.

Und auch der Aufwand stand in keinem Verhältnis zum Ergebnis – ganz im Gegensatz zu Olivier Messiaens „Et Expecto Resurrecctionem Mortuorum“. In fünf überaus dichten Sätzen wird den Toten der Weltkriege die Auferstehung prophezeit. Tröstlicher Katholizismus ist das und damit typisch Messiaen. Im reinen Tête-à-Tête der Blas- und Schlaginstrumente vermisste man keinen einzigen Streicher, so farbenreich klangen Blech und Holz. Aber dafür sind die Philis bekannt. Und Mehta ließ den Klang fließen, organisch aus der Stille wachsen, so, als hätte er sein Leben lang nichts anderes dirigiert als Messiaen.

Christa Sigg

Glaubensgewissheit in Würfelform

Das Werk führt dazu, dass ich erbrechen muss.“ Dies soll Pierre Boulez nach der Uraufführung der Turangalîla-Sinfonie von Olivier Messiaen gesagt haben. Das Problem: Er hat es zu Messiaen gesagt. Es kam zum jahrelangen Bruch zwischen Boulez und seinem Lehrer. So gesehen ist es eine gute Idee, dass auf der Messiaen-Box der Deutschen Grammophon nicht Boulez, sondern Myung-Whun Chung dieses Werk dirigiert – zumal Chungs Einspielung vom Komponisten als mustergültig gelobt wurde.

Die Box vereint zum 100. Geburtstag des 1992 verstorbenen Franzosen seine sämtlichen Werke. Vertreten sind Weggefährten wie Messiaens Frau Yvonne Loriod, Messiaen-Exegeten wie Pierre-Laurent Aimard, oder Heinz Holliger, Stars wie Martha Argerich oder Mstislaw Rostropowitsch sowie der Meister selbst. Kent Nagano steuerte den Salzburger Live-Mitschnitt der Oper „Saint François d‘Assise“ mit José van Dam bei. Diese Box präsentiert nicht nur die stilistische Vielfalt Messiaens, sondern auch den Reichtum möglicher Deutungen.

Marco Frei

Olivier Messiaen, Complete Edition, 32 CDs (Deutsche Grammophon

 

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