Klassik Nur Klangverwaltung?

Magische Ausstrahlung wird im nachgesagt, dabei ist der Aristokrat unter den deutschen Dirigenten nahbar, dünkellos aber Anspruchsvoll: Enoch zu Guttenberg führte die Chorgemeinschaft Neubeuern zur Höchstform und leitet das 1997 von den Geigern Andreas Reiner und Josef Kröner gegründete Orchester namens Klangverwaltung. Foto: giegold-profot

Unter den Glamourstars der Klassikszene bekommt auch ein Außenseiter den Echo-Preis

 

Am Sonntag wird in der Philharmonie der Echo Klassik verliehen, mit dem sich die Plattenindustrie jedes Jahr selbst feiert. Unter den Preisträgern ist diesmal Enoch zu Guttenberg: Seine Einspielung von Bruckners Vierter mit dem Orchester der Klangverwaltung wurde als herausragende sinfonische Einspielung ausgezeichnet.

AZ: Herr Guttenberg, sind die Außenseiter nun im Mainstream angekommen?

ENOCH ZU GUTTENBERG: Als ich von der Auszeichnung erfuhr, war ich mehr erstaunt als erfreut. Die Klangverwaltung besetzt ebenso eine Nische wie die Plattenfirma Farao. Aber es ist natürlich schön, wenn sie immer mehr besucht wird.

Der Produzent Felix Gargerle ist selbst Musiker.

Er spielt im Bayerischen Staatsorchester. Niemand weiß so genau, was ich will. Manchmal packt er mich auch beim eigenen Schopf. In meinen früheren Aufnahmen für SonyBMG erkenne ich mich heute nicht wieder. Bei Gargerles Produktionen ist das anders, ich höre sie gern.

Spielt Gargerle auch in der Klangverwaltung?

Er hat das Orchester mit aufgebaut, hat heute aber kaum mehr Zeit dafür. Die Klangverwaltung besteht aus einem festen Stamm mit dem Rosamunde Quartett als Stimmführern. Ich bin als Dirigent der Erste unter Gleichen – das muss so sein. Die Musiker haben innerhalb ihrer Gruppen keinen festen Platz. Jeder kann sich einbringen und mit mir bestimmte Stellen diskutieren. Daher bekomme ich auch 100 Prozent meiner Auffassung, weil alle dahinterstehen.

Wie kommt man hinein?

Das ist streng geregelt und läuft über Empfehlungen. Die Musiker kommen aus Amsterdam, Paris, London oder Berlin zu intensiven Arbeitsphasen zusammen. Wir verbinden das Know-How der historischen Aufführungspraxis mit Emotionalität. Das müssen die Musiker draufhaben, damit sie auf den Proben nicht Schlittschuh fahren. Das ist für Neulinge manchmal nicht einfach.

Gehört solchen freien Orchestern die Zukunft?

Ich glaube ja, auch wenn ich dafür erschlagen werde. Viele Orchester sieden in ihrem eigenen Fett. Und es gibt auch immer weniger Geld von den staatlichen und kommunalen Trägern.

Ist Bruckners Vierte Programm-Musik?

Unbedingt. Beim Hornruf dachte er an eine mittelalterliche Stadt, beim Seitenthema ans „Zizibe“ der Kohlmeise. Später hat er das verschwiegen, weil Programme zu seiner Zeit in Wien intellektuell verpönt war. Aber noch mehr möchte ich die verzweifelte Größe dieses Mannes darstellen. Mich packt die Musik so sehr, dass ich nach einer Aufführung eher deprimiert bin.

Seine Musik ist also vor allem ein Psychogramm.

Ein Beispiel: Wir hatten lange Zeit Schwierigkeiten mit einer bestimmten Sextolen-Stelle in der Sechsten. Dann las ich die Aufzeichnung einer seiner Schüler: Bruckner soll gesagt haben, sie seien zu Stein gewordene Tränen, weil er nie ein Weib erkannt habe. Wenn Sie das bei einer Probe erzählen, lachen die Musiker erst und spielen sie dann richtig.

Robert Braunmüller

Bruckners Vierte unter Guttenberg als SACD/CD bei Farao Classics. Das ZDF überträgt die Echo-Verleihung zeitversetzt am Sonntag ab 22 Uhr

 

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