Klassik Krämpfe der Wonne

Schmachtende Stummfilmaugen und ein nach Erlösung suchender Blick. Foto: Deutsche Grammophon/Haase

Anna Netrebkos neue Schmonzetten-CD „Souvenirs“ legt Wert auf eine opulente Optik

 

Auf den Bergen heiß, da schmilzt das Edelweiß. Was aber wirklich nicht am Klimawandel liegt, sondern an Anna Netrebko. Die hüllt sich als Csárdásfürstin in schweres Opernpathos und setzt auch noch die sibirische Pelzmütze auf. Ein tschechischer Kosakenchor tanzt dazu in der pannonischen Tiefebene am Lagerfeuer Kasatschok, während die Reste der ungarischen Seele am Lagerfeuer mit Fett und Paprika in der Gulaschkanone schmoren.

Der an sich schon recht dämliche Text von „Heia, in den Bergen“ aus Emmerich Kalmans unverwüstlicher Operette wird im Mund der Schönen von Krasnodar noch sinnfreier. Beim „Wiegenlied“ von Richard Strauss ist gerade mal „Mutter“ und „Himmel“ zu vernehmen, von beider Zusammengang aber gar nichts. Wie es sich mit dem Norwegisch, Andalusisch und Jiddisch dieser zehnsprachigen Schmonzetten-Platte verhält, entzieht sich der Kenntnis unserer Unbildung. Das Latein in Lloyd-Webbers „Pie Jesu“ ist aber ganz o.k.

Wehe, man hört die Schwarzkopf...

Das kitschbildchengeschmückte Booklet verführt mit seinem eitlen Namedropping zur Suche nach Elisabeth Schwarzkopfs Operettenliedern (EMI, Great Recordings of the Century). Da ist zu hören, wie sehr die Wirkung der leichten Muse von der Färbung der Worte abhängt. Bei Richard Heubergers „Im Chambre séparée“ verführt die Schwarzkopf mit sirenenhafter Stimme zu einem süßen Geheimnis ins Nebenzimmer. Bei der Netrebko steht im Besenkammerl höchstens ein Computer für Cybersex, weil sich der Dirigent Emmanuel Villaume auch nicht auf die charmanten Temporückungen versteht, von denen die Operettenwahrheit abhängt. Auch der ins Chambre séparée gebetene Tenor Piotr Beczala bleibt seltsam unerregt, um nicht zu sagen, geschlechtslos.

Die Deluxe-Version enthält ein Netrebko-Poster, das schöner ist als Dornröschen und Schneewittchen zusammen. Dazu gibt es drei Postkarten und eine Bonus-DVD, auf der sich die Künstler selbst applaudieren. Dem Maestro wird nachgesagt, er habe bei der Barcarole aus „Hoffmanns Erzählungen“ der Netrebko und ihrer Freundin Elena Garanca „Krämpfe der Wonne“ abverlangt, die das Booklet noch eindeutiger als „lustvolles Erbeben“ übersetzt. Was aber nicht viel brachte, weil aus der Reibung zwischen dem sahnigen Mezzo der Lettin und Netrebkos hauchigem Sopran keine sinnlichen Funken sprühen.

Wirklich gut ist die Netrebko, wenn ihr am Ende der Platte perlende Koloraturen in Luigi Arditis „Il bacio“ abverlangt werden. Tränen der Rührung aber schossen uns ins Auge, als die Gesangslehrerin Elena Matusovskaya berichtete, wie ihr die Sängerin das Bett überließ, während sie selbst, mit einem 3-Millionen-Dollar-Collier von Chopard angetan, auf der Matratze nächtigte. Das hätten wir gern gesehen. Warum singt die Netrebko überhaupt noch? Warum bringt die Deutsche Grammophon nicht einfach nur erotische Märchenbildbände mit ihr heraus?

Robert Braunmüller

Die CD „Souvenirs“ erscheint am 9. November bei der Deutschen Grammophon

Das Video zu Annas neuem Album

 

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