Klassik Kompromisslose Altersweisheit

Ein bedeutender Lehrer: Komponist Klaus Huber. Foto: Oswald Foto: Charlotte Oswald

Der Ernst von Siemens Musikpreis geht heuer an den Schweizer Komponisten Klaus Huber

 

Als vor zwei Jahren Brian Ferneyhough die Auszeichnung erhielt, wunderten sich viele Insider der Neuen Musik: Er war nach Wolfgang Rihm der zweite Preisträger, der sein kompositorisches Handwerk bei Klaus Huber gelernt hatte. Wäre der Lehrer kein würdigerer Adressat für diese Ehrung gewesen?

Die Mühlen solcher Jurys mahlen langsam. Ein Musiker, dessen Oratorium „Erniedrigt – Geknechtet – Verlassen – Verachtet“ auf das Kommunistische Manifest von Marx und Engels anspielt, der Böll oder Mandelstam vertonte und in der Kantate „inwendig voller Figur“ (1971) die atomare Bedrohung mit apokalyptischen Visionen verband, muss 84 Jahre alt werden, bis seine Kompromisslosigkeit als preiswürdige Greisenweisheit durchgehen kann.

Durchbruch zur Utopie

Der 1924 in Bern Geborene studierte Violine bei Stefi Geyer sowie Komposition bei seinem Patenonkel Willy Burkhard in Zürich. 1959 gelang Huber mit seiner Kammerkantate „Des Engels Anredung an die Seele“ der Durchbruch. Unter dem Eindruck der Theologie der Befreiung und Ernst Blochs „Geist der Utopie“ wandelten sich religiöse Themen und Endzeitvisionen zum gesellschaftsverändernden Appell in der Sprache der Musik.

„Jede Kultur beruht auf der schöpferischen Kraft des Menschen, seine existenzielle Not zur Sprache zu bringen“, schrieb Huber 1977. Sein Alterswerk prägt das Interesse an christlicher Mystik, Sufismus und Zen. Hubers „Die Erde bewegt sich auf den Hörnern eines Ochsen“ für Sufi-Sänger, europäische und arabische Musiker wurde von der Dämonisierung der arabischen Kultur während des ersten Golfkriegs angeregt und verbindet poetische Bilder mit politische Aktualität zu einer farbigen Klangwelt.

Hubers kompositorische Qualitäten stellt niemand in Zweifel, sein visionärer Utopismus wird auch dort respektiert, wo er zum Widerspruch herausfordert. Offenheit und Dialogbereitschaft prägten seine Zeit als Lehrer an den Hochschulen von Basel und Freiburg, wo er mehr als kompositorisches Handwerk vermittelte, weil er stets die Individualität seiner Studenten förderte.

Der Siemens-Preis bekommt Konkurrenz

Die mit 200000 Euro dotierte Auszeichnung wird Huber am 15. Mai in den Münchner Kammerspielen verliehen. Daneben vergibt die Siemens Musikstiftung Förderpreise in Höhe von insgesamt 2,1 Millionen Euro. Bis zum Festakt hat sich möglicherweise das unvermeidliche Wort vom „Nobelpreis der Musik“ erledigt, weil die Auszeichnung eine besser dotierte Konkurrenz aus Stockholm erhält.

Die 2005 verstorbene Sopranistin Birgit Nilsson hat einen Musikpreis gestiftet, der im Abstand von zwei bis drei Jahren auf dem Gebiet der Konzertmusik oder Oper vergeben werden soll. Die Sängerin hat den ersten Träger noch selbst bestimmt und in einem versiegelten Brief hinterlassen, der bald geöffnet werden soll.

Robert Braunmüller

 

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