Klassik Kammermusik in Cinémascope

Allein wäre Anne-Sophie Mutter am Besten. Foto: Broede/DG

Event oder Konzert? Anne-Sophie Mutter mit den Sonaten von Brahms im Gasteig

 

Natürlich war die Philharmonie einschließlich des Podiums bis auf den letzten Platz besetzt. Dem Veranstalter ist es nicht zu verdenken, wenn er in harten Zeiten einen Riesensaal für Deutschlands berühmteste Geigerin bucht. Aber es ist die Frage, ob das dann noch ein Konzert ist oder ein Pop-Event, bei dem Anne-Sophie Mutters Persönlichkeit auf Kosten von Johannes Brahms erlebbar wird.

Zuckerstückchen wie die als als Zugabe gespielten „Ungarischen Tänze“ würden mit der Mutter auch im Olympiastadion das Herz des Zuschauers erreichen. Aber die drei Violinsonaten hat der Komponist kaum als Virtuosenfutter niedergeschrieben. Mit Kammermusik im engeren Sinn, wo zart tönende Gebilde im Zwiegespräch der Ausführenden zum Leben erweckt werden und das Ego zugunsten der Sache bescheiden pausiert, hatte dieser Abend schon des Ortes wegen nichts zu tun.

Ewige Rätsel

Anne-Sophie Mutter tönte sonor auf der G-Saite, begann fast alle Melodien beiläufig, um dann forciertes Vibrato aufzulegen. Das macht rasch sich abnützenden Effekt. Es bleibt ein ewiges Rätsel, wieso sie sich mit dem wackeren Lambert Orkis zusammentut, obwohl sie diese Stücke früher mit Alexis Weissenberg aufgenommen hat. Der Begleiter hält sich als Gentleman zurück und ruiniert die musialischen Dialoge der „Thuner“ und der „Regenlied-Sonate“. Im auftrumpfenden op. 108 störte das Ungleichgewicht weniger, aber ans grandios ausgefeilte Zusammenspiel von Leonidas Kavakos und Elisabeth Leonskaja vor einem Monat erinnerte man sich auch hier lieber nicht.

Anne-Sophie Mutter widmet sich seit längerem skrupulös, ernsthaft und hingebungsvoll neuer Musik wie Sofia Gubaidulias „In tempus praesens“ (neu bei DG). Brahms aber behandelt sie wie Henri Wieniawski. Warum fehlt ihr der Mut zur Zusammenarbeit mit einem großen Pianisten? Seltsam.

Robert Braunmüller

 

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