Klassik Im Herz der Finsternis

Griff nach der Macht: Željko Lučić als Macbeth in der ersten Premiere des neuen Staatsopern-Chefs Klaus Bachler. Foto: Dorothee Falke

Premiere im Nationaltheater: Martin Kusej über seine Inszenierung von Verdis "Macbeth", den Opernbetrieb und sein Verhältnis zu Shakespeare

 

Der Opernbetrieb sei ein „gigantischer Zuckerlberg", der von Reaktionären kontrolliert werde, schimpfte Martin Kušej kürzlich. Am besten sei es, alles mit einer Cruise Missile wegzublasen, um ganz neu anfangen zu können. Aber der Kärntner gehört zum Betrieb: Seine Inszenierung von Verdis „Macbeth" ist die erste Premiere des neuen Staatsopern-Intendanten Nikolaus Bachler.

AZ: Herr Kušej, was hat Sie so aufgebracht?

MARTIN KUŠEJ: Ich kritisiere die Arbeitsbedingungen und den Markt – durchaus als Insider. In diesen großen Musiktheater-Fabriken ist es schwer, einfach mit den Sängern etwas auszuprobieren, im Sinn des Wortes. Ich habe „Macbeth" im Sommer auf einer Probebühne komplett erarbeitet und musste das nach den Ferien im Nationaltheater auf die große Bühne übersetzen. Zwei Tage zum Fehler korrigieren wären bei der engen Planung nicht denkbar gewesen. Man muss mit einer komplett fertigen Inszenierung anreisen, statt etwas kreativ zu erarbeiten. Das langweilt mich zunehmend.

Gibt es Häuser, an denen mehr Zeit ist?

Bei Klaus Zehelein in Stuttgart war immer eine Reserve da. Wenn man ins Schwimmen kam, holten die weiß Gott woher immer noch zwei Tage aus dem Köcher. Nikolaus Bachler will die Münchner Oper sicher auch in diese Richtung steuern. Wenn unsere Premiere gut ausgeht, wird Veränderung leichter zu machen sein. Insofern liegt auch intern ein starker Druck auf der Produktion.

Was stört sie am Markt?

Sänger werden schon Jahre im Voraus gebucht. Es wird nur auf die Stimme geachtet und und nicht auf den Charakter der darzustellen ist. Kürzlich wurde mir vorgeschlagen den Daland im „Fliegenden Holländer" mit dem jungen Bass Mikhail Petrenko zu besetzen. Er ist ungefähr 29 - seine Tochter Senta soll eine Sängerin um die Mitte 40 singen!

Man hört, im „Macbeth" wird auf der Bühne gepinkelt.

Wenn das jetzt das Thema wird, dann: Grüß' Gott, München! Mein Durchbruch als Regisseur begann übrigens 1992 mit dem Pinkeln der Lady Milford in Schillers „Kabale und Liebe". Ich sage dazu nur soviel: Mutwillig erzeugte Skandale interessieren mich nicht. Manche Zuschauer wollen das aber nicht begreifen regen sich wie Pawlowsche Hunde immer über dieselben Vorgänge auf.

Auch bei Verdi bleibt „Macbeth" ein brutales Stück.

Es ist ein Blick ins schwärzeste Dunkel der Welt, das auf unserer Bühne in ein sehr helles Licht gesetzt wird. Ich hatte für den Schluss das Ehepaar Ceausescu vor Augen, die wie Ratten erschossen in der Gosse lagen. Für unsere zwei Tyrannen ist das ein relativ adäquater Tod. Aber mehr als die Mechanismen der Macht interessiert mich an „Macbeth" der Zustand des Machtrauschs und Machtwahns. Macbeth und die Lady haben eine Utopie, auch wenn sie schwarz ist. Es sind sehr interessante, komplexe Figuren.

Bevor Macbeth stirbt, singt er sich mit einer schönen Arie ins Herz des Publikums.

Man schaut ihm lange zu und denkt: Was für eine schreckliche Existenz! Dann erwischt einen die Musik in einer kitschigen Ecke, und man hat Mitleid mit ihm. Ich versuche das zu umgehen, indem ich bewusst mit dem Zynismus dieser Situation spiele.

Sähe „Macbeth" als Schauspiel bei Ihnen ähnlich aus?

Auf keinen Fall. Im Unterschied zu Shakespeare erzählt Verdi wie in Schlaglichtern. Er zeigt Zustände, Alpträume, Abgründe und psychotische Beschreibungen von Charakteren. Diese Oper erfordert auch von den Chormassen her einen anderen Zugriff. Da sind handwerkliche Probleme zu lösen, die es im Schauspiel nicht gibt. Wenn man da bei Proben einen Moment zögert, verliert der Chor wie eine Schulklasse die Konzentration. Aber Shakespeare ist sowieso nichts für mich: Zu schwer!

Das ist fast wie das Geständnis, Mozart nicht zu mögen.

Ich meine das nicht überhaupt nicht überheblich – im Gegenteil! Aber seine Stücke lassen sich einfach nicht umfassend inszenieren. Ich war weder mit meinem „Hamlet" noch mit „Richard III." restlos zufrieden, weil ich immer nur einen ganz speziellen Teil des Ganzen geschafft habe. Mein streberhafter Traum wäre aber mal eine wirklich verbindliche Deutung, was ein Ding der völligen Unmöglichkeit ist. Ich weiß es schon – die Zuschauer noch immer nicht!

Robert Braunmüller

Premiere am 2. Oktober, 19 Uhr im Nationaltheater. Weitere Vorstellungen am 6., 9., 12., 17. und 20 Oktober.

 

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