Klassik Im Gasteig geht der Kern des Klangs verloren

„Ein Konzert von Boulez ist kein bestelltes Paar Schuhe“, sagt Anne-Sophie Mutter.Foto: DG Foto: DG/Frers

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter über Sofia Gubaidulinas „In tempus praesens“ und die Notwendigkeit eines neuen Konzertsaals für München

 

Komponisten wie Witold Lutoslawski, Wolfgang Rihm und Henri Dutillieux haben für sie geschrieben. Auf ihrer aktuellen CD vereint Anne-Sophie Mutter das neue Violinkonzert „In tempus praesens“ von Sofia Gubaidulina mit Bach. Am 7. November spielt die Geigerin, von Lambert Orkis begleitet, die Brahms-Sonaten in der Philharmonie.

AZ: Frau Mutter, warum passt Bach zu Gubaidulina?

ANNE-SOPHIE MUTTER: Der Bach’sche Rahmen drängte sich auf, weil die Komponistin in ihren Werken immer wieder auf Bach Bezug nimmt. Das beste Beispiel ist das 1981 von Gidon Kremer uraufgeführte Violinkonzert „Offertorium“. Außerdem steht Bachs Klarheit und Strenge der Explosionskraft des neuen Werks nicht im Weg.

Was bedeutet der lateinische Titel?

„In gegenwärtiger Zeit“. Ich übersetze Musik ungern in Sprache, aber das Konzert erzählt tatsächlich eine Geschichte, die mit unserem Vornamen in Verbindung steht: Das Solo-Instrument verkörpert die Gestalt der Sophia, die personifizierte Kreativität neben der männlichen Gottheit. Das Orchester spielt oft die Rolle des Verfolgers, eines Schattens, der die Geige bedrängt, aufs Neue herausfordert. Am Ende siegt dann Dur.

Haben Sie während der Entstehung mit der Komponistin gesprochen?

Nein. Ich habe das bisher immer so gehalten. Die Komponisten verfügen über große Erfahrung mit meinem Instrument und benötigen meinen Input nicht.

Ist es schwer, dieses Konzert bei Veranstaltern durchzusetzen?

Natürlich gibt es gelegentlich leisen Widerstand. „In tempus praesens“ erfordert Probezeiten, die über das normale Maß hinausgehen. Für die Plattenaufnahme musste eigens ein riesiger Gong geschmiedet werden, der uns bei der Uraufführung in Luzern noch nicht zur Verfügung stand. Aber dass das Pittsburgh Symphony Orchestra das Konzert wenigstens auf dem skandinavischen Teil der Tournee spielen will, ist ein positives Signal.

Wie weit ist das Konzert, das Pierre Boulez für Sie schreibt?

Ich freue mich mit schlotternden Knien darauf, und die auftraggebende Paul-Sacher-Stiftung erinnert ihn auch regelmäßig daran. Aber ein solches Stück ist kein bestelltes Paar Schuhe. Die Inspiration lässt sich nicht zwingen.

Ist der Gasteig ein Ort für Brahms’ Kammermusik?

Natürlich hat die Philharmonie akustische Tücken. Das weiß jeder, der dort aufgetreten ist. Die Größe des Saals irritiert mich in diesem Zusammenhang nicht. Intime Momente gibt es ja auch nicht nur in der Kammermusik. Ein Beethoven-Violinkonzert verlangt danach ebenso wie die herrlichen Brahms-Sonaten, deren jeweiliger Charakter nicht unterschiedlicher sein könnte. Es ist die Substanz, also der Kern des Klanges, der im Gasteig zuweilen verloren geht.

Braucht München einen neuen Konzertsaal?

Unbedingt. Der Bedarf ist da. Eine Stadt mit zwei erstklassigen Orchestern und Dirigenten von Weltruf braucht einen optimalen Saal, der dem Publikum adäquat wiedergibt, was Musiker in Proben schwitzend und mit Herzblut erarbeiten.

Wie verbringen Sie Ihr Sabbatical?

Meine letzten Konzerte sind im August. Danach muss ich wohl Schränke aufräumen und möchte am liebsten auf Weltreise gehen. Wenn während dieser Zeit das neue Stück von Wolfgang Rihm fertig wird, werde ich hineinschauen. Und in meinem Arbeitszimmer liegt noch Sebastian Curriers „Time Machine“. Wer wie ich zwei Kinder hat, dem wird sowieso nie langweilig.

Robert Braunmüller

„In tempus praesens“ bei DG. Für die Brahms-Sonaten am 7. 11. Karten unter Tel. 98 29 28 27

 

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