Klassik Ich will ins Moderne rein!

Der Dirigent Ingo Metzmacher hat ein Faible für Einzelgänger wie Karl Amadeus Hartmann und Hans Pfitzner. Foto: dpa

Hans Pfitzners Eichendorff-Kantate „Von deutscher Seele“ unter Ingo Metzmacher

 

Am besten ist es, zufällig auf diese Musik zu stoßen, etwa bei einer Autofahrt im Radio, in Unkenntnis ihres umstrittenen Schöpfers und des verfänglichen Titels. Zu entdecken wäre ein rätselhaftes Zusammenspiel aus Horn und Harfe, finstere Trauermusiken und auf der zweiten Platte ein Schweifen in die Gefilde der Atonalität.

Hans Pfitzners Werke sind in Verruf geraten, weil sich ihr Schöpfer von den Nazis hofieren ließ und nach 1945 keinerlei Einsicht zeigte. Als Ingo Metzmacher 2007 zum „Tag der Deutschen Einheit“ in Berlin die Eichendorff-Kantate aufführte, gab es Proteste seitens des Zentralrats der Juden und eine heftige Diskussion darüber, ob Stücke dieses Komponisten tragbar seien.

Es lohnt sich, die rituelle Abwehr zu überwinden. Niemand wird deutschnational, wenn er die Fülle sehnsüchtiger Chöre, dem Verlorenen nachtrauernde Sologesänge und Zwischenspiele über sich ergehen lässt, die zwischen Schönbergs „Gurreliedern“, Mahlers „Lied von der Erde“ und Zemlinskys „Lyrischer Symphonie“ irrlichtert.

Der Dirigent Ingo Metzmacher ist als Nono-Interpret und Ex-Pianist des Ensemble Modern reaktionärer Umtriebe unverdächtig. Er lässt die ratlose Verunsicherung des Komponisten spürbar, der an den Türen der Neuen Musik rüttelt, ohne sie aufbrechen zu können und aus Verbitterung zum Hetzer wurde.

Der Berliner Rundfunkchor und das Deutsche Symphonieorchester agieren ohne deutschen Rumpelfuß. Unter den Solisten ragt Robert Holls Knorrigkeit heraus. Der Rest garniert leider interpretierendes Ungefähr mit waberndem Vibrato. Wer nach dem „Palestrina“ in der Staatsoper mehr über Pfitzners Widersprüche wissen will, sollte „Von deutscher Seele“ kennen. Zu ihnen gehört auch, dass dieses Werk eines Antisemiten 1922 von Selmar Meyrowitz, einem Dirigenten jüdischer Herkunft, uraufgefürt wurde.

Robert Braunmüller

Hans Pfitzners „Von deutscher Seele“ bei Phoenix (Naxos)

 

0 Kommentare