Klassik Hexensabbat mit Feuerkopf

Mehr als ein von der Musikindustrie gehyptes Talent: Der aus Venezuela stammende Dirigent Gustavo Dudamel. Foto: Deutsche Grammophon

Fulminant: Gustavo Dudamel mit seinen Göteborgern in der Philharmonie

 

Es ist keine Kunst, für ein muskulär hingeschludertes Sibelius-Violinkonzert und eine knallige „Symphonie fantastique“ von Berlioz Beifallsstürme zu kassieren. Wirklich gute Aufführungen beider Werke müssen im Kalender rot angestrichen werden: Am Mittwoch war so ein seltener Tag.

Der medial entfesselte Wirbel um Gustavo Dudamel und seine venezolanische Sinfónica de la Juventud Simón Bolívar machte die derzeit konzertsparsamen Münchner offenbar misstrauisch. Zwischen den günstigeren und den teuren Philharmonie-Blöcken klaffte beim Gastspiel des Feuerkopfs mit den Göteborger Symphonikern eine große, unbesetzte Lücke. Vor der Kasse lauerte aber ein Dutzend Neugieriger mit dem Schildchen „Karte gesucht“, ohne dafür bezahlen zu wollen.

Wer nicht drin war, hat was verpasst. Der armenische Geiger Sergej Khachatryan begann das Sibelius-Konzert ohne Kraftmeierei ungewöhnlich leise und lyrisch. Zur allerletzten Perfektion fehlte dem 23-Jährigen zwar die auftrumpfende Souveränität am Ende des ersten Satzes, aber die Idee, das Solo melancholisch über der Götterdämmerung des Orchesters brüten zu lassen, wirkte bestechend.

Im wild hetzenden Totentanz-Finale förderte der knarzende Horn-Bass bereits überraschende Anspielungen auf den Hexensabbat der Berlioz-Symphonie zu Tage. Dass die Schweden mit der Sibelius-Sonorität bestens zu Rande kamen, überraschte weniger als das helle und brillante Klangbild nach der Pause, auch wenn die Göteborger kaum mit den Münchner Klasseorchestern vergleichbar sind.

Aber unter Dudamel wuchsen die Musiker über sich hinaus. Der 27-Jährige liest die Partitur genauer als viele ältere Kollegen, hat mit den Musikern dynamische Schattierungen erarbeitet und betonte die manisch-depressiven Kontraste, ohne in ein theatralisches Furioso zu verfallen.

Nach dem letzten Ton sprang das vordere Parkett begeistert von den Sitzen. Am Ende des zugegebenen Trauermarschs aus der Kantate „Sången“ op. 44 des Orchestergründers Wilhelm Stenhammar erzwang Dudamel eine Viertelminute konzentrierter Stille in der Philharmonie, ehe sich die Schweden mit „Tico Tico“ von Abreu und Oliveira südamerikanisch verabschiedeten.

Robert Braunmüller

 

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