Klassik Hans Pfitzners nächtliches Sodbrennen

Ein umstrittener Mann: Die Staatsoper hat derzeit Hans Pfitzners "Palestrina" im Programm. Foto: Wikipedia

Nationaltheater: Ein Abend zu „Palestrina“, „Wozzeck“ und der Zeit der Räterevolution

 

Das Nationaltheater war im Schneetreiben dramatisch beleuchtet wie für einen Reichsparteitag. Zwischen den Säulen gestapelte Sandsäcke ließen befürchten, der Widerstand der Roten Armee gegen das Freikorps Oberland sei ungebrochen. Die Treppenhäuser übersäten Flugblätter der Räterepublik.

Anlässlich der Konfrontation von Pfitzners „Palestrina“ und Bergs „Wozzeck“ hatten die Dramaturgen Rainer Karlitschek und Miron Hakenbeck in der Staatsoper die Macht ergriffen. Ein Podiumsgespräch betonte Gemeinsamkeiten der Genie-Ästhetik des Nationalkonservativen mit den Zwölftönern. Drumherum las Stefan Hunstein mit Robert Hültner literarische Fundstücke aus der Münchner Räterepublik und später allein Briefe von Pfitzner und Berg.

Unter dem Murano-Lüster vor der Königsloge regierte Berg, während der Chorprobensaal mit seiner Kammermusik-Atmosphäre ganz Pfitzner gehörte. Dort wuchtete Konzertmeister Markus Wolf mit Julian Riehm die kurz nach „Palestrina“ entstandene Violinsonate. Sie klingt, als habe sie der im Jenseits unter Sodbrennen leidende Brahms dem Komponisten im Traum vorgesungen. Später spielte Jürgen Key (Klarinette) mit Staatsorchester-Kollegen das zwischen Altersmilde und Kaffeehaus changierende Sextett von 1945. Der Abend lehrte, dass Widersprüche ausgehalten werden müssen. Das hilft im Leben.

Robert Braunmüller

 

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