Klassik Ewiger Romantiker

Vom Blatt singt José Carreras selbstverständlich nur bei der Probe, wie hier vor dem Frankfurter Konzert diese Woche. Foto: dpa

José Carreras hat die Lieder seiner Kindheit eingesungen und gastiert in München

 

Nein, über den „Kollegen“ Paul Potts möchte José Carreras nicht viele Worte verlieren. Mag der Casting-Show-Tenor auch derzeit in Deutschland die Arenen füllen: Die Auskunft, der Brite habe Talent und sei vergangenes Jahr Gast der Benefiz-Gala zugunsten seiner Leukämie-Stiftung gewesen, muss genügen. Kein Wort dazu, ob es ihn treffe, dass Potts riesige Hallen füllt, während der 61-jährige Carreras sich auf seiner aktuellen Tour mit der Philharmonie „begnügen“ muss.

AZ: Señor Carreras, hören Sie selbst gelegentlich noch Klassik zur Entspannung?

JOSÉ CARRERAS: Ich liebe es, zuhause klassische Musik zu hören, denn es ist nach wie vor die höchste Kunst in der Welt der Musik mit so vielen wunderbaren Meisterwerken.

Als letztere würden Kritiker wohl kaum die Folklore-Stücke und Popularmusik Ihres neuen Albums „Mediterranean Passion“ bezeichnen.

Nun, solche Stücke sind in der Vergangenheit von großen Sängern interpretiert worden wie Caruso, Mario Lanza oder Giuseppe di Stefano, um nur einige zu nennen. Ich habe diese Lieder seit meiner Kindheit geliebt: die mediterrane Leidenschaft in diesen Songs, die Energie, manchmal auch die Leichtigkeit, die ihnen innewohnt – und vor allem kann ich sie aus ganzer Seele singen. Ja, manchmal bieten solche Songs sogar mehr gestalterische Spielräume als die großen Arien.

Anne-Sophie Mutter sagt, sie sei mit ihrer eigenen Interpretation nie hundertprozentig zufrieden: Kennen Sie solch eine Haltung auch von sich selbst?

An dem Tag, an dem ich zu hundert Prozent zufrieden mit mir selbst wäre, würde ich von der Bühne abtreten. Nein, ein Künstler kann niemals wirklich ganz zufrieden mit sich selbst sein, er möchte einfach immer besser werden, ein Lied oder eine Arie ein wenig anders interpretieren oder auch neue Genres für sich erobern – ja, ein Künstler muss einfach sein Leben lang offen sein, Neues zu lernen.

Anders als bei einer Geigerin büßt das Instrument des Sängers allerdings mit dem Alter an Qualität ein. Wie gehen Sie damit um?

Natürlich verliert man als Sänger mit den Jahren gewisse Qualitäten, doch gleichzeitig gewinnt man anderes hinzu – und das spiegelt sich in der eigenen Interpretation ebenso wider wie in der eigenen Gefühlswelt. Ich selbst etwa bin nach wie vor ein sehr romantischer Mensch, aber eben in einer anderen Weise als ich das als 20-Jähriger gewesen bin – und das drückt sich natürlich auch in meiner Interpretation aus: Mit den Jahren gewinnt man für bestimmte Ereignisse im Leben einfach ein viel tieferes Verständnis und Gefühl.

Warum mag sich kaum ein großer Sänger auf dem Höhepunkt seiner Karriere zurückziehen?

In allen Berufen werden die Menschen älter – man muss einfach intelligent genug sein fortzuführen, woran man nach wie vor Freude hat und was sich mit einer entsprechende Würde, Stil und einer bestimmten Qualität fortsetzen lässt. Aus diesem Grund singe ich etwa seit Jahren schon nicht mehr „La Bohème“: Warum sollte ich das auch tun, wo ich doch weiß, dass ich es früher viel besser gemacht habe?

Was zieht Sie denn immer wieder auf die Bühne?

Es ist ein Gefühl der Vertrautheit und Intimität, die direkte Kommunikation mit dem Publikum und dieser Moment, in dem ich spüre, dass das Publikum unmittelbar auf meine Interpretation reagiert. Und damit meine ich keineswegs nur den Applaus.

Hören Sie sich Ihre eigenen alten Aufnahmen gelegentlich noch einmal an?

Nicht allzu oft, um ganz ehrlich zu sein. Ich lausche eher den Aufnahmen von so großartigen Künstlern wie Giuseppe di Stefano oder auch Herbert von Karajan.

Welcher der vielen Höhepunkte Ihrer Karriere nimmt in der Rückschau einen besonderen Platz ein?

Sicherlich die 12 Jahre gemeinsamer Arbeit mit Maestro Herbert von Karajan. Für ihn habe ich selbst den Radames in Verdis „Aida“ gesungen – und ich hätte für ihn sogar die Micaela in Bizets „Carmen“ gesungen, wenn er mich gefragt hätte.

Wie reagieren Sie, wenn Freunde in Ihrer Gegenwart eine alte CD mit Ihren Arien oder Liedern auflegen?

Damit kann ich schon leben. Anders ist dies allerdings, wenn ich ein Restaurant besuche und der Wirt meint, er würde mir eine Freude machen, indem er eine CD von mir einlegt. Dann bitte ich ihn ganz höflich, aber sehr bestimmt, doch etwas anderes zu spielen

Christoph Forsthoff

José Carreras gastiert mit seinem Programm „Mediterranean Passion“ am 30.11. in der Philharmonie, 18 Uhr, Karten (49 – 129 Euro); Tel. 936093

 

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