Klassik Die Welt, ein Schlachthaus

Alptraumhafte Visionen: Zeljko Lucic (im Smoking) und Nadia Michael als Tyrannenpaar im neuen "Macbeth" des Nationaltheaters. Foto: W. Hösl

Der starke Einstand des neuen Intendanten Nikolaus Bachler: Verdis „Macbeth“ im Nationaltheater, inszeniert von Martin Kušej

 

Schon lange quatschte, buhte und störte das Parkett nicht mehr so wie in dieser Premiere. Das ist ein gutes Zeichen: Dieser „Macbeth“ schlürft sich weniger süffig als die Ironie der Jonas-Ära. Seine Bilder sind hart und verstörend. Aber sie passen. Und hoffentlich ist die ewige Verdi-Pechsträhne der Staatsoper nun zu Ende.

Wie ein barocker Fastenprediger wittert Martin Kušej hinter allem Menschlichen nackte Gier, vergängliches Fleisch und Körperflüssigkeiten. Zum Orchestervorspiel formuliert er mit einer Totgeburt der Lady Macbeth seine starke These. Aus dem blutig-vaginalen Zelt auf der Vorbühne, in dem später König Duncan ermordet wird, kommen fünf Ungeborene, die als Kinder-Hexen das Paar ohne Nachkommen traumatisieren.

Schreckensbilder

„Macbeth“ ist weder bei Shakespeare noch Verdi eine besonders appetitliche Geschichte. Im dritten Akt markieren die Hexen ihr Terrain mit Urin. Dann läuft ein Hund über die Bühne und apportiert Bancos blutiges Haupt. Die nackten Luftgeister gleichen den Hexen ebenso wie der Lady und lassen den Tyrannen wie eine Jungfrau am Jahrmarkt schweben. Aber Macbeth holt sich von alledem nur zwei blaue Augen. Er gibt sich auf: In einer von Goyas Schreckensbildern inspirierten Schlachthaus-Vision zum Chor der schottischen Flüchtlinge zerrt er seinen Widersacher Macduff aus dem Geburtszelt. Am Schluss wird das Zentrum des Grauens von den neuen Machthabern als leere Projektionsfläche entlarvt, ehe die Menschen nach dem Schauer zur Tagesordnung übergehen.

Die Bilder Kušejs und seines Ausstatters Martin Zehetgruber rücken dem Zuschauer auf den Leib. Wer sich darauf einlässt, statt verlegen zu lachen, wird sie nicht willkürlich finden. Zur Geschlossenheit der Aufführung trägt auch die gute Besetzung bei. Nach vielen dürren Jahren hat die Staatsoper mit Zelko Lucic endlich wieder einen echten Verdi-Bariton gefunden. Nur im Kraftgesang wirkt seine Stimme eine Spur zu weich.

Als Lady, die machtberauscht im Lüster turnt und ihren Blues nachtwandelnd mit Schnaps und Zigarette ertränkt, ist Nadja Michael ein Elementarereignis. Ihre Präsenz erwächst aus dem Widerspruch zwischen ihrer zerbrechlichen Rothaarigkeit und der mächtig schneidenden Stimme. Man muss ihr Timbre und das Tremolo ebenso wenig mögen wie ihren S-Fehler, aber eine als indisponiert angekündigte Sängerin auszubuhen, zeugt von schlechter Kinderstube. Der knorriger als nötig singende Roberto Scandiuzzi überzeugte dagegen dieselben Connaisseure.

Verdis zynische Kälte

Schon zur Pause wurde der Dirigent Nicola Luisotti von einem einzelnen Schreier abgestraft, obwohl er Leises zuließ und die abgeblendeten Farben des Staatsorchesters unterstrich. Aber die Chöre wackelten wegen der Trennung zwischen dem Gesang und der Aktion in den Hexenchören. Mit dem Gegrinse zur verborgen gesungenen Mördermusik gelang es Kušej dafür Verdis zynische Kälte ins Bild zu setzen. Klanglich überzeugte das kaum, aber die suggestiven Bilder sind es wert.

Es war ein kompromissloser Einstand. Unter Nikolaus Bachler wird wieder mehr über die Regie in der Oper diskutiert werden. Wer kraftvolles Musiktheater erleben will, braucht nun nicht mehr den ICE nach Stuttgart. Wenn die Besetzungen auch in der Zukunft so stimmen, stehen aufregende Zeiten bevor.

Robert Braunmüller

Wieder am 6., 9., 12., 17. und 20. 10., Karten Tel. 21 85 19 20

 

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