Klassik Die Unschuld der Provinz

Ach du unschuldige Operettenzeit! In „Boccaccio“ gab es am Vorabend zum 9. November eine bezaubernde Bücherverbrennung. Foto: Ida Zenna

Gärtnerplatz: Franz von Suppés Operette „Boccaccio“ als Festspiel des Strumpfhosentheaters

 

So wild trieben es die alten Florentiner: Peronella versteckt ihren Liebhaber in einem Fass und verkauft ihn ihrem Mann als Kunden, der den Ladenhüter erwerben möchte. Während der Betrogene das Innere schrubbt, beugt sich Peronella darüber und lässt sich von ihrem Liebhaber von hinten besteigen.

Natürlich sträubt sich die Bühne gegen eine solche Sauerei. Weil die Novelle aber berühmt ist, konnte sie Franz von Suppé in seiner „komischen Operette“ über den Dichter des Decamerone nicht übergehen. Er beschränkte sich aber auf schwankhaften Klamauk und jugendfreies Küssen. Und obwohl Ulrich Peters noch eindeutigere Gesten hinzufügte, dürfte auch die keuscheste Nonne im Gärtnerplatztheater kaum erröten.

Gleich zu Beginn redet die Regie Klartext. Schnäpschenbeschwingt träumt sich eine Dame aus der Ehehölle der Adenauer-Zeit ins Florenz der Renaissance. Ein Radiosprecher droht mit „Klassik von gestern für Leute von heute“. Exakt dieses wird mehr oder weniger augenzwinkernd geboten: Operette von einst, als Rudolf Schock und Anneliese Rothenberger noch den medialen Kulturauftrag besorgten.

Viel Blick aufs Bein

Wunderbar, wie das im Strumpfhosentheater neuerdings wiederkehrt. Peters durfte es mit lederstiefeltragenden Damen erotisch würzen, weil der Titelheld samt den ihn umgebenden Bummelstudenten von Suppé als Hosenrollen gedacht wurde: Um 1880 war dies der einzig zulässige Männerblick aufs weibliche Bein.

Heute ist es auch noch ganz hübsch. Aber nett ist auch hier das Schwesterlein von blöd. Wer bonbonfarbene Kostüme zu Musikuntermalung liebt, mit Klettverschluß gerüstete Ritter, fahrradfahrende Briefträger schätzt und vor einer mit aller Operettenunschuld zelebrierten Bücherverbrennung nicht zurückschreckt, sollte „Boccaccio“ keinesfalls verpassen.

Ann-Kathrin Naidu verleiht dem Dichter die Kratzbürstikeit der „Tatort“-Kommissarin Ulrike Folkerts. Die Nennung weiterer Knallchargen verbietet der Respekt vor ihrer Ensembleleistung. Und Dirigent Henrik Nánási tanzte leichtfüßig durch die Partitur. Dass dort ein modernes Schlagzeug mit Hi-Hat und Fußmaschine gefordert wird, glauben wir aber nicht. Das ist eine Verbeugung zuviel vor der Operettenprovinz.

Robert Braunmüller

Karten Tel. 21 85 19 60

 

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