Klassik Die Klanggestalten

Diana Damrau ist die würdigste Nachfolgerin der großen Lucia Popp. Foto: EMI/Virgin

Neue CDs: Mozart mit den Sopranistinnen Diana Damrau und Annette Dasch

 

Wenn Rezensenten zwei Platten miteinander vergleichen, schließen sie gern mit dem salomonischen Rat zum Erwerb beider. Leider funktioniert dieses Rezept bei den neuen Mozart-Platten von Diana Damrau und Annette Dasch nicht wirklich. Hier lautet das vorweggenommene Fazit: Die eine Sängerin hören Sie besser im Konzert, und ihre Platte auch lieber von hinten.

Beide Damen vereint eine moderne Mozart-Auffassung. Zwecks Unterstützung holten sie sich historisierende Begleiter. Diana Damraus französische Partner „Le Cercle de l’Harmonie“ unter Jérémie Rhorer rauschen eine Brise frischer als die Akademie für Alte Musik Berlin unter Marc Piollet dahin. Deren schlanker Klang wurde von der Sony-Tontechnik zum philharmonischen Riesen aufgeblasen, was mehr nach Kunststoff als Darmsaiten klingt.

Die Damrau orientiert sich hörbar an der Neuen Mozart-Ausgabe. Wer mit der Normalversion von „Martern aller Arten“ aufgewachsen ist, zuckt immer noch bei ungewohnten Läufen gegen Ende der Arie. Aber die Günzburgerin brilliert nicht nur als Konstanze in der „Entführung“, sie singt auch das kratzbürstige Blondchen aus der gleichen Oper. Auch bei Susanna und Gräfin aus „Figaro“ gelingt es ihr, den gegensätzlichen Frauen ohne vordergründige Effekte eigene Klanggestalt zu geben. Wie Lucia Popp reifte die Sängerin mit dem Wechsel von den Koloraturrollen ins lyrische Fach.

Einige Arien sind auf beiden Platten vertreten. Aus dem tiefen Gurgeln in Vitellias „Non più di fiori“ schlägt keine dramatisches Kapital, und als innige Servilia aus „La clemenza di Tito“ macht die Damrau ohnehin eine bessere Figur. Bei Paminas „Ach ich fühl’s“ sind die Sängerinnen so unterschiedlich wie gut: Damrau erscheint sehr verletzlich, die Dasch selbstbewusster, was aber beides zur Rolle passt.

Als Elettra im Münchner „Idomeneo“ und für ihre Salzburger Donna Anna wurde die Berlinerin von der Kritik gebeutelt. Gequetschte Linien und gaumige Töne stören auch bei den Arien der Gräfin und der vernuschelten Arie der Zaide, dem Tiefpunkt der Platte. Dann aber darf Annette Dasch als Anna, Elvira und Giunia („Lucio Silla“) leidend rasen: Gespaltene, verzweifelte Charaktere kommen der Sängerin entgegen. Und es ist nicht gesagt, dass sich ihre Karriere vorzeitig dem Ende zuneigt. Am Montag wagt die Sängerin im Prinzregententheater nach Mozart auch die Arie der Agathe aus Webers „Freischütz“. Wer weiß: Möglicherweise ist Annette Dasch im dramatischen Fach künftig besser aufgehoben als bei Mozart.

Robert Braunmüller

Annette Daschs CD „Mozart“ bei Sony Classical, Diana Damraus „Mozart Donna“ bei EMI/Virgin

 

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