Klassik Des Gatten Gezirpe

Opfer der antiken Schickeria: Sophia Brommer (als Eurydike, links) in der Augsburger Operetten-Unterwelt. Foto: Theater Augsburg

Operettenfreude pur: Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ am Augsburger Theater

 

In der Hölle ist es wie im richtigen Leben. Die von Pluto entführte Eurydike langweilt sich dort ebenso wie zu Hause, wo Ehemann Orpheus ihr mit seinen Geigen- Attacken auf die Nerven geht. In der Augsburger Neuinszenierung von Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ trägt der Sänger des Orpheus, Manuel Wiencke, nicht nur die Fiedel in der Hand, sondern er kann auch darauf spielen. So gut, dass die Abwehrhaltung der Gattin überhaupt nicht nachvollziehbar ist.

Regisseur Jochen Biganzoli tat das einzig Richtige: Er inszenierte keine Parodie der Parodie, sondern brachte die gesellschaftskritischen Attacken mit leichter Hand auf die Bühne. Am Schluss allerdings kennt er kein Pardon. Bei Offenbach findet es Eurydike toll, von Jupiter als Bacchantin engagiert zu werden, Hauptsache, sie muss das Gezirpe ihres Angetrauten nicht mehr hören. In Augsburg wird Eurydike von den Machos Jupiter und Pluto erst ziemlich unsanft auf die Knie und dann ins Bett gezwungen, nahezu vergewaltigt, und das kann keiner emanzipierten Dame gefallen.

Ansonsten zeigte Biganzoli die Welt so, wie sie der Komponist auf die Schippe nahm. In den antiken Gestalten lässt sich unschwer die vergnügungssüchtige Schickeria unserer Tage entdecken, geil, gelangweilt und nur dann hellwach, wenn die öffentliche Meinung (Kerstin Descher) nebst Kameramann auftaucht.

Chapeau, ihr Augsburger!

Dirigent Karl Andreas Mehling hatte federnden Rhythmus verordnet – und traf damit ins Schwarze. Die phantasievolle Choreographie von Dimas Casinha duldete keine Cancan-Biederkeit. Das gesamte Ensemble, voran Sophia Brommer (Eurydike), Christian Tschelebiew (Jupiter) und Roman Payer (Pluto), demonstrierte eindrucksvoll, wie effektvoll Pointen wirken können, wenn man sie ohne Übertreibungen setzt.

Schon zur Pause rieb man sich verwundert die Augen. Dass sich eine Offenbach-Operette auf deutsch (Text: Stefan Bausch, Jochen Biganzoli) so delikat und ganz ohne Holzhammer präsentiert, stimmt angesichts der zumeist verunglückten Versuche der Vergangenheit hoffnungsfroh.

Chapeau! Am Gärtnerplatz darf man ruhig ein bisschen neidisch sein.

Volker Boser

Wieder am 20., 26.11. und im Dezember, Tel. 0821 324 49 00

 

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